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Finger weg von Glyphosat

Kieler Toxikologe Finger weg von Glyphosat

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserzeugend für Menschen“ eingestuft. Damit hat die Diskussion um das weltweit meistverwendete Herbizid eine neue Stufe erreicht. Heimgärtner verwenden die 41 Produkte mit dem umstrittenen Wirkstoff dennoch kräftig weiter.

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Ein Test in Garten- und Baumärkten in Kiel zeigte: Die Beratung funktioniert.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. An den Verkaufsstellen kann das nicht liegen, wie ein Test in Kieler Garten- und Baumärkten zeigt.

Glyphosat ist ein Totalherbizid. Es lässt alles, was grün ist, verdorren. Gleichzeitig lässt es Getreide gleichmäßig und zu einem berechenbaren Zeitpunkt reifen. Damit erleichtert Glyphosat die Landwirtschaft massiv. Für Hersteller wie Monsanto ist der Wirkstoff zu einem Milliardengeschäft geworden. Beim Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL muss der Absatz gemeldet werden. Der nahm in den letzten Jahren stetig zu, erreichte 2012 mit 18700 Tonnen den Höhepunkt und ging 2013 auf 16200 Tonnen zurück. Das Ergebnis für 2014 steht noch aus.

 Umweltschutzorganisationen kämpfen seit Jahren gegen Glyphosat. Sie verweisen darauf, dass das Gift längst in die Nahrungsmittelkette gelangt ist. Ökotest fand Glyphosat in 75 Prozent der untersuchten Getreideprodukte, auch in Brot und Brötchen. Die Fernsehsendung Markt und der BUND wiesen unabhängig voneinander das Herbizid in menschlichem Urin nach. Auch Umweltminister Robert Habeck (Grüne) warnte im vergangenen Jahr: „Wir weisen Glyphosat im Grundwasser – dem Fundament unseres Lebens – nach, und mittlerweile selbst im menschlichen Urin. Das Langzeitrisiko von Glyphosat und die Gefahr der Wechselwirkung mit anderen Umweltgiften sind nicht untersucht. Dennoch wird Glyphosat weiterhin weit verbreitet eingesetzt. Das ist falsch."

 Kritiker erhoffen sich nun Bewegung durch die neue Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation. Denn sie kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt: Die Zulassung für Glyphosat in der EU läuft aus. Deutschland muss als Berichterstatter für diesen Wirkstoff ein Votum abgeben, ob Glyphosat für weitere zehn Jahre zugelassen werden soll. Doch das Bundesinstitut für Risikobewertung bleibt bisher bei seiner Bewertung: „Es gibt keinen gesicherten Zusammenhang zwischen Glyphosat-Exposition und einem erhöhten Krebsrisiko.“

 Immerhin wurde 2014 der Einsatz in der Landwirtschaft begrenzt – auf maximal 3,6 Kilogramm Wirkstoff pro Hektar im Jahr. Auch beim Schleswig-Holsteinischen Bauernverband wird betont, dass Glyphosat heute bewusst restriktiver eingesetzt wird. Dennoch bleibt Glyphosat ein Alltagsmittel. Der Versuch von Schleswig-Holstein, über den Bundesrat das Herbizid in Heim- und Kleingärten ganz zu verbieten, hatte bisher keinen Erfolg. Wer Glyphosathaltige Mittel kaufen will, muss aber zumindest vorher beraten werden. Aber wird das auch praktiziert?

 Ein Test in Garten- und Baumärkten in Kiel zeigte: Die Beratung funktioniert. In allen Fällen waren die Mittel wie Roundup, Vorox oder Permaclean nicht frei zugänglich, sondern hinter Tresen oder Glas verwahrt. Als Kunde wurde man auf Handhabung und Risiken hingewiesen – und darauf, dass Glyphosat auf Wegen und Terrassen streng verboten ist. Fast immer wurde auch auf umweltfreundlichere Alternativen hingewiesen. „Aber wenn die Kunden das Mittel dennoch wollen, geben wir es ihnen natürlich“, sagte ein Verkäufer eines Baumarkts. Und auf die Nachfrage, ob das häufig vorkomme, fügte er hinzu: „Ja, das wird leider noch gekauft.“ Eine Kundin, die das Gespräch offenbar mitangehört hatte, meinte später an der Kasse: „Nehmen Sie das ruhig, das ist super.“

 Davon rät Dr. Hermann Kruse, Toxikologe an der Christian-Albrechts-Universität, allerdings dringend ab. Aus mehreren Gründen: „Es ist ein Totalherbizid, sie vernichten damit alles Grün, auch das, was man erhalten möchte.“ Noch wichtiger sind Kruse aber die gesundheitlichen Risiken. „Die schädigende Wirkung auf Ungeborene und der begründete Krebsverdacht, der jetzt von der WHO bestätigt wurde, sollten ausreichen, um aus vorsorgendem Verbraucherschutz die Finger von Glyphosat zu lassen. Das Argument des BfR, die von der WHO angeführten Studien würden keinen eindeutigen Nachweis bringen, ist richtig. Nur: Einen 100prozentigen Nachweis kann eine Studie nie bringen.“

 Auch Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein warnt: „Letztlich landet dieses Gift in unserer Nahrung. Wir können nicht sagen, wir wollen das nicht in unseren Lebensmitteln haben und dann hingehen und es in unseren Gärten versprühen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH