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Eltern sind am Ende ihrer Kräfte

Kita-Streik Eltern sind am Ende ihrer Kräfte

Es könnte so schön sein: Bei Mama zu Hause bleiben, auf den Spielplatz gehen und an den Wochenenden zu Besuch bei Oma und Opa. Es ist aber nicht schön. Denn seit die Kita von Maximilian bestreikt wird, ist Mutter Leandra Feldt aus Kiel-Wellingdorf nur noch im Stress.

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Wie viele Eltern stößt die alleinerziehende Mutter Leandra Feldt (26) langsam an ihre Grenzen, um die Betreuung ihres Sohnes Maximilian (3) zu regeln.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Die Notfallversorgung in der Kita ist nicht sicher, und wenn der Streik noch weiter geht, muss auch der Jahresurlaub dran glauben. Kein Einzelfall. Wie der jungen Kielerin geht es vielen Eltern im Lande, und deren Unmut wächst. „Mein Sohn ist unausgeglichen, weil er aus seinen Strukturen gerissen wurde“, so Feldt. Zwar habe der Dreijährige viele Kinder zum Spielen in seinem Wohnviertel, aber die Gemeinschaft in der Kita fehle.

Für die alleinerziehende Verkäuferin ist Organisation jetzt alles: „Ich versuche meine Arbeit so gut es geht auf das Wochenende zu verlegen, dann springen meine Eltern ein, die beide voll berufstätig sind.“ Wenn sie auch unter der Woche arbeiten muss, ist sie auf die Notfallversorgung in ihrer Kita angewiesen. Ob es eine Notgruppe gibt, steht und fällt aber damit, ob die Erzieherin krank ist oder nicht. „Ich hoffe, dass der Betrieb nächste Woche wieder normal läuft. Wenn nicht, müsste ich meinen Jahresurlaub in Anspruch nehmen und hätte dann für den Sommer keine Resttage mehr.“

„Der Streik geht an die Substanz. Bei den Eltern, und noch viel schlimmer: auch bei den Kindern“, so Sibylle Grünwald, Mutter aus Schönkirchen. Ihr fünfjähriger Sohn Bennett mag nicht mehr in die Kita gehen. Es gibt zwei Kita-Standorte in der Gemeinde, von denen einer derzeit wegen des Streiks geschlossen ist. Der Junge muss sich nicht nur an neue Räume und neue Bezugspersonen gewöhnen, sondern hat auch keine Konstanz mehr in seiner Betreuung: „Die 20 Plätze der Notgruppe werden jede Woche neu ausgelost unter den rund 60 Kindern“, so die 42-jährige Lehrerin.

Sie selbst habe noch Glück, denn ihre Eltern und die ihres Mannes springen im Notfall ein. „Wenn alle Stricke reißen, könnte ich meinen Sohn auch mit zur Schule nehmen“. Die Schönkirchenerin weiß aber auch von anderen Familien, bei denen die Situation nicht so gut gestemmt werden kann. Viele Kinder im Ort sind mit der Situation vollkommen überfordert und weinen, wenn es heißt, dass sie in die Kita müssen. „Kinder sind keine Immobilien, die man mal eben neu verwaltet.“

Auch der Kieler Familienvater Jonas Dörschner steckt in einer desolaten Lage: „Meine Frau arbeitet Vollzeit, ist Berufseinsteigerin und kann somit keinen Urlaub nehmen. Ich betreue meine dreijährige Tochter Emma derzeit von morgens bis zum späten Nachmittag, danach übernimmt meine Mutter und ich arbeite bis Mitternacht oder länger. Das kann kein dauerhafter Zustand sein“, so der 34-jährige Rechtsanwalt. Sollte der Streik weiter gehen, müsste auch er seinen Jahresurlaub nehmen. Die Eltern betonen, dass sie den Streik nicht bewerten möchten, da beide Konfliktparteien nachvollziehbare Argumente hätten. Sie machen aber gleichzeitig deutlich, dass wochenlanger Stillstand nicht gehe. „Der Bogen ist überspannt, so sind Familie und Beruf nicht miteinander vereinbar“, sagt Dörschner. Und auch für Grünwald entspreche die derzeitige Situation nicht ihrer Vorstellung davon, dass zum Wohl der Kinder gehandelt werde.

In Hamburg haben gestern rund 2000 Eltern ihrem Ärger auf der Straße Luft gemacht. Unter dem Motto „Jetzt reicht’s – Erzieherberuf aufwerten, Kita-Streik beenden“ demonstrierten sie für ein Ende der seit mehr als zwei Wochen dauernden Auseinandersetzung. „Dieser Streik trifft die Falschen: Er trifft nicht die Arbeitgeber, sondern die Eltern und deren Kinder“, kritisierte Björn Staschen vom Landeselternausschuss (LEA) Hamburg. Der wochenlange Streik bringe die Eltern an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Manche fürchteten um ihren Arbeitsplatz. Kommunen und Gewerkschaften müssten daher alles daran setzen, sich zu einigen, damit nicht länger Dritte getroffen werden. Es sei unerträglich, dass tagelang nicht verhandelt wurde. „Das ist eine Verhandlungstaktik auf dem Rücken der Eltern und Kinder, das geht gar nicht“, sagte Staschen. Er fordert ein gutes Angebot der Arbeitgeber und dass die Gewerkschaft das Angebot auch ernsthaft prüfe.

„Es geht nicht um irgendetwas, es geht um unsere Kinder!“ Auch Christina Dwenger, 45, Mutter von zwei Kindern, findet, dass die Erzieherinnen besser bezahlt werden müssten. „Mittlerweile ist der Streik für viele Eltern jedoch existenzbedrohend. Da geht es nicht, dass sich die Verhandlungspartner so viel Zeit lassen“, so Dwenger.

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Über den Beruf der Erzieher ist inzwischen eigentlich alles gesagt. Ja, Erzieher machen einen großartigen Job. Ja, Erzieher sollten für diese wichtige und anspruchsvolle Arbeit angemessen bezahlt werden. Nicht umsonst waren die Sympathien der Eltern mit ihnen, als sie vor mehr als zwei Wochen die Kitas schlossen und auf die Straße gingen. Doch jetzt befinden wir uns in Woche drei eines unbefristeten Kita-Streiks.

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