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Mehr Erzieherinnen braucht das Land

Kita-Studie Mehr Erzieherinnen braucht das Land

Laut einer Bertelsmann-Studie hat sich die Situation in Schleswig-Holsteins Kitas zwar verbessert – aber noch lange nicht ausreichend. Die Qualität kann mit dem erhöhten Personalschlüssel nicht mithalten.

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Diese Krippenkinder haben zum Glück noch keine Ahnung, wie sehr ihre Betreuung den Eltern, Bildungsexperten, Fachkräften und Politikern quer durch alle Bundesländer Kopfschmerzen bereitet: Auch die Personalschlüssel für Kinder unter drei Jahren sind laut Bertelsmann-Studie längst nicht optimal.

Quelle: dpa/Uli Deck

Kiel/Gütersloh. Mehr Personal für Schleswig-Holsteins Kindertageseinrichtungen: Der Betreuungsschlüssel in Krippen und Kindergärten hat sich laut einer gestern in Gütersloh veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung in den vergangenen zwei Jahren leicht verbessert. Wie der aktuelle „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ anhand von Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder ermittelt hat, kommen demnach im nördlichsten Bundesland auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft durchschnittlich 3,7 ganztags betreute Krippenkinder oder 8,9 Kindergartenkinder. Zwei Jahre zuvor betreute eine Erzieherin noch 4,0 Krippen- oder 9,1 Kindergartenkinder.

„Die Personalschlüssel sind längst noch nicht überall kindgerecht und pädagogisch sinnvoll, aber der Trend ist positiv“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. In Schleswig-Holstein entspricht der Kita-Personalschlüssel laut Studie zwar fast dem Durchschnittswert der westdeutschen Bundesländer, der für Krippen bei 3,6 Kindern pro Erzieherin und für Kindergärten bei 8,9 liegt. Als wirklich kindgerecht stufen die Bildungsexperten der Stiftung diesen Betreuungsschlüssel jedoch nicht ein. Für Kinder unter drei Jahre sollte eine Fachkraft höchstens drei Kinder betreuen, ab drei gelte ein Verhältnis von eins zu 7,5 als optimal. Im Kita-Alltag falle das tatsächliche Betreuungsverhältnis ohnehin schlechter aus, da die Erzieherinnen mindestens ein Viertel ihrer Arbeitszeit für Team- und Elterngespräche, Dokumentation und Fortbildung aufwenden müssten.

Die Qualität der Betreuung hinkt damit den Zahlen hinterher. „Es hat schon beim rasanten Ausbau der Kitas an allen Ecken und Enden gekracht“, sagte Michael Selck, Landesgeschäftsführer der Awo. „Es kommen immer mehr Aufgaben hinzu, der frühkindliche Bildungsauftrag soll erfüllt werden, doch das Fachpersonal fehlt.“ Mehr Personal, mehr Ausfall- und Verfügungszeiten, mehr gesellschaftliche Anerkennung und eine bessere Bezahlung für einen fordernden Beruf: Die Wunschliste der Kita-Träger im Land ist lang. „Unsere Fachkräfte zeigen ein extrem hohes Engagement, aber gehen trotzdem auf den Knien.“ Die Studie mache einmal mehr deutlich, dass die Investition in Kitas eine Investition in die Zukunft sei.

Auch Angelika Wurth vom Verband evangelischer Kindertageseinrichtungen (VEK) in Schleswig-Holstein hält die Zahlen der Bertelsmann-Studie im Vergleich zur tatsächlichen Betreuungsqualität für „viel zu positiv“. „Wir wissen, wie die Realität aussieht und können nur sagen: In Wahrheit ist der Personalschlüssel viel ungünstiger.“ So sei eine Gruppenstärke von 25 Kindergartenkindern in vielen Kitas längst nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Häufiger Personalwechsel, befristete Arbeitsverträge und hohe Krankenstände seien nur die Spitze des Eisberges, an den gesetzlichen Rahmenbedingungen habe sich noch immer nichts geändert. Das Kita-Aktionsbündnis, in dem sich die schleswig-holsteinischen Kita-Träger zusammengeschlossen haben, fordert deshalb eine „zwingend notwendige Anpassung“.

Auffällig im Ländervergleich sind vor allem die großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Osten kümmern sich Erzieherinnen um deutlich mehr Kinder unter drei Jahren (1 zu 6,1) als im Westen. Ab drei Jahren liegt der Betreuungsschlüssel im Durchschnitt sogar bei 1 zu 12,4.

„Angesichts der konstant hohen Unterschiede für Kindertagesbetreuung werden bundeseinheitliche Qualitätsstandards immer drängender“, sagte Jörg Dräger. Bundesweiter Klassenprimus ist Baden-Württemberg mit einem Personalschlüssel von 3,1 (Krippe) und 7,7 (Kindergarten) Kindern pro Fachkraft. Bei der Krippenbetreuung bleibt Hamburg Schlusslicht im Westen: Hier betreut eine Erzieherin durchschnittlich 5,1 Kleinkinder.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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Leitartikel

Mehr Personal in Schleswig-Holsteins Kindertageseinrichtungen – das klingt nach einer guten Nachricht. Mehr Personal bedeutet mehr Qualität in der Betreuung. Und das ist es doch, was wir uns alle wünschen.

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