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Polizei verliert den Kampf gegen Einbrecher

Kriminalitätsstatistik in Schleswig-Holstein Polizei verliert den Kampf gegen Einbrecher

Die Kriminalität in Schleswig-Holstein ist auf dem Rückzug: Mit 95139 Straftaten hat die Landespolizei in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast 3000 Fälle weniger als im Vorjahreszeitraum registriert. Die Aufklärungsquote ist zugleich abermals gestiegen – allerdings mit einer entscheidenden Ausnahme: Im Bereich der Wohnungseinbrüche hat die Polizei trotz spezieller Ermittlungsgruppen und -konzepte so wenig Straftaten wie noch nie auflösen können.

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Quelle: Bodo Marks/dpa

Kiel. 4400 Diebstähle aus Häusern und Wohnungen sind zwischen Januar und Juni der Polizei angezeigt worden. Das sind laut polizeiinterner Kriminalitätsstatistik, die unserer Zeitung vorliegt, zwar gut 30 Fälle weniger als noch im ersten Halbjahr 2014. Die Aufklärungsquote sank allerdings abermals von 11,3 auf den Tiefstwert von nunmehr nur noch 8,8 Prozent. Im gesamten Jahr 2014 war die Aufklärungsquote bei Einbrüchen noch von 10,2 auf 12,6 Prozent gestiegen, was aber immer noch unter Bundesschnitt lag. Noch schlechter sind aktuell nur die Fahndungserfolge der Polizei bei Diebstählen von Fährrädern (6,2 Prozent) und Diebstählen aus Autos (7,3).

 Karl-Hermann Rehr, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP), ist in Sorge: „Abgerechnet wird zwar erst am Schluss des Jahres“, sagt er, „allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass die zweite und dunklere Jahreshälfte meist noch eine Steigerung von Fällen mit sich bringt.“ Rehr kritisiert, dass die Polizei aufgrund von Personalknappheit zu wenig Kapazitäten habe, beispielsweise Internet-Aktionshäuser zu durchforsten. „Das gibt oft Spuren zu den Einbrüchen“, so der Gewerkschafter.

 Landesweit sind nahezu alle Deliktgruppen im ersten Halbjahr 2015 rückläufig. Ausnahme: Mit 5344 Fällen hat die Zahl von Straftaten gegen das Aufenthalts- und Asylverfahrensgesetz sich mehr als verdoppelt. Ohne diese Verfahren wäre die Kriminalität im Land sogar um mehr als fünf Prozent unter die Marke von 90000 Taten gefallen. Regional gibt es große Unterschiede bei der Entwicklung von Straftaten: In Neumünster wurden mit 7908 gemeldeten Fällen mehr als 2100 Fälle mehr als noch 2014 anzeigt – ein Plus von 36 Prozent. Allerdings ist hier wegen der zentralen Erstaufnahme von Asylbewerbern die Zahl der Aufenthaltsverfahren besonders hoch. Deutliche Rückgänge der Kriminalität verzeichnen Eutin (minus 19 Prozent) und Bad Segeberg (minus 20) sowie Lübeck mit fast minus zwölf Prozent.

 Die Täter kommen aus aller Welt

 Erstmals in der Kriminalitätsstatistik erfasst werden seit Jahresbeginn die sogenannten Auslandsstraftaten. Das sind Delikte, denen Schleswig-Holsteiner zum Opfer fallen, bei denen die Täter aber außerhalb Deutschlands agieren.

 Innenminister Stefan Studt (SPD) hatte angekündigt, in diesem Bereich bundesweit statistisches Neuland zu betreten. Begründung: „Die Statistik bildet nur einen Teil des sogenannten Hellfeldes ab, gerade im Bereich Cybercrime ist das vermutete Dunkelfeld aber sehr hoch“, so Studt bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2014. Bislang fehlt ein bundesweit einheitliches Regularium, wie mit Fällen aus dem Ausland umgegangen wird. Schleswig-Holstein schlüsselt sie nun zwar erstmals nach Fällen und ermittelten Ländern als sogenannte Sondererfassung auf, kann die 2211 Fälle, die in den ersten sechs Monaten des Jahres angezeigt wurden, allerdings noch nicht in die Gesamt-Kriminalitätsstatistik einfließen lassen. Erst im März war das Dezernat Cybercrime von 16 auf 26 Mitarbeiter aufgestockt worden.

 Die Ermittler haben offenkundig große Mühe, sogenannte Tatortstaaten einzugrenzen. Laut Statistik bleibt die Masse der Länder, von denen aus Kriminelle agieren, ungeklärt. In 1463 Fällen war keine Zuordnung möglich. Bei 117 Straftaten stammten die Täter aus Großbritannien, gefolgt von der Türkei (61 Fälle), Spanien (54), Polen und den Vereinigten Staaten (jeweils 51). In den meisten Fällen wurden die Opfer von Tätern aus dem Ausland betrogen: 635 Fälle registrierte die Polizei. Durch betrügerische Schad-Software und Programme wie Trojaner, wie sie beispielsweise in gefälschten E-Mails großer Versandhäuser oder Geldinstitute versteckt werden, wurden Schleswig-Holsteiner in 327 Fällen geschädigt.

 298 Verfahren wurden wegen Betrugs „mittels rechtswidrig erlangter Daten von Zahlungskarten“ eingeleitet; also wegen abgefischter Geheimnummern von EC-Karten. Warenbetrug war in 161 Fällen Auslöser für Ermittlungen der Polizei. Am häufigsten hatten im ersten Halbjahr 2015 die Polizeidirektionen in Kiel (447 Fälle), Bad Segeberg (441) und Ratzeburg (331) mit Auslandskriminalität zu tun. Der internen Statistik zufolge konnten die Ermittler landesweit 64 solcher Fälle aufklären, was einer Quote von lediglich 2,9 Prozent entspricht.

 Insgesamt kann die Polizeiführung mit dem Rückgang der Kriminalität zufrieden sein. Besorgnis erregend ist allerdings die Entwicklung bei den Wohnungseinbrüchen. Zwar wurden in den ersten sechs Monaten 2015 mit 4404 Taten 34 Fälle weniger angezeigt, die Aufklärungsquote sank allerdings von 11,3 auf nur noch 8,8 Prozent. „Eine Entwicklung, die zeigt, dass sich Polizei nicht weiter aus der Fläche zurückziehen darf“, sagt Karl-Hermann Rehr, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei. Wenn sieben von acht Einbrüchen ungeklärt blieben, sei das eindeutig zu wenig. „Wenn die Versicherungen materielle Schäden nicht zügig ausglichen, würde der Druck aus der Bevölkerung sicher deutlich höher“, so Rehr.

 Nach Ansicht von Ralf Schwertfeger vom Landesverband der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ dürfe allerdings nicht nur an die finanziellen Schäden gedacht werden. „Allein der Versuch eines Einbruchs führt bei den Geschädigten zu mitunter massiven psychischen Belastungen“, warnt er. Jede Tat sei ein Eingriff in die Intimsphäre der Opfer. Schwertfeger weiß: „Häufig sind die emotionalen Schäden weit größer als die materiellen, mitunter müssen die Menschen sogar umziehen, weil sie sich in ihren Häusern und Wohnungen nicht mehr sicher fühlen.“

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Die Kriminalität in Schleswig-Holstein sinkt, die Aufklärungsquote ist im ersten Halbjahr 2015 insgesamt weiter gestiegen. Da könnten Innenminister und Polizeiführung die Sektkorken knallen lassen. Wäre da nicht ein kleiner, aber entscheidender Makel: die gesunkene und erschreckend geringe Aufklärungsquote im Bereich der Wohnungseinbrüche.

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