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Lacksplitter können Täter verraten

Unfallflucht in Schleswig-Holstein Lacksplitter können Täter verraten

Massenphänomen Unfallflucht: Zuletzt zählte die Polizei mehr als 18600 Fälle im Lande. 1950 Verfahren mussten allein die Kieler Ermittler des Verkehrsunfalldienstes im vergangenen Jahr bearbeiten. Speziell geschulte Beamte des Bezirksreviers versuchen, anhand von teils nur mikroskopisch kleinen Spuren getürmte Unfallfahrer ausfindig zu machen.

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Polizeihauptkommissar Martin Maaß ermittelt seit 15 bei Unfällen mit Fahrerflucht. Hier stellt er mit einem Skalpell eine Lackprobe für spätere Laboruntersuchungen sicher.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Wenn Martin Maaß zur Tat schreitet, dann erinnert die Szenerie ein wenig an die US-Fernsehserie CSI. Mit einer kleinen Klarsichttüte in der einen und einem Skalpell in der anderen Hand geht er vor dem Kotflügel eines grünen VW Passat am Eichhof in Kiel in die Knie. Deutlich sind schwarze Striemen, tief eingedrückte Schleifspuren auf dem freigekratzten Blech des Neuwagens zu erkennen. Ein Klassiker für den 59-Jährigen. Seit 15 Jahren ist der Polizeihauptkommissar Unfallflucht-Ermittler. Obwohl sein jüngster Vorfall längst Routine für ihn ist, macht er sich voll Akribie ans Werk. Stück für Stück inspiziert Maaß mit einer Lupe den tiefen Kratzer im Lack. „In aller Gemütsruhe“, wie der Kieler selbst sagt. Für den Experten ist der Fall leicht zu rekonstruieren: „Beim Ausparken hat da jemand offenbar den Abstand falsch eingeschätzt und ist an der Fahrerseite entlang geschrapt.“ Wer es war, ist ungewiss. Der Fahrer türmte. Ohne die Polizei zu rufen, ohne einen Zettel mit seiner Adresse zu hinterlassen – ohne für seine Straftat geradezustehen.

 Ein Fall von vielen für Maaß und seine neun Kollegen.  Mit Gewissheit kann er bislang nur eines sagen: „Der Unfallwagen war rot.“ Winzige Lackpartikel werden mit der Pinzette in ein Plastikbeutelchen gefüllt. Die Kriminaltechniker im Labor könnten anhand dieser Spuren ermitteln, um welchen Fahrzeugtyp es sich handelt – möglicherweise sogar die Baureihe und das Produktionsjahr des Autos bestimmen. Im konkreten Fall dürfte es allerdings schwer werden. „Rote Fahrzeuge gibt es viele“, sagt Maaß nüchtern. „Und selbst wenn wir wüssten, dass es ein VW, Audi, Peugeot oder Mercedes war, ohne Hinweise zum Kennzeichen wäre wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“  Tatsächlich gibt es diesmal nämlich keine Zeugen. Niemand hat sich bei der Polizei gemeldet. Niemand hat einen Zettel an die Windschutzscheibe des betroffenen Passats geheftet. „Grundsätzlich beobachten wir aber mit großer Freude, dass die Bereitschaft deutlich zunimmt, sich als Zeuge zu melden, wenn sie etwas gesehen haben“, berichtet Maaß‘ Kollege Uwe Schröder. Der 51-Jährige ist seit 2004 Unfallermittler. Er hat einen Erklärungsansatz für diesen Trend: „Die Leute wissen, wie ärgerlich es ist, wenn das eigene Fahrzeug beschädigt wird, und welche immensen Kosten damit häufig verbunden sind.“ Bisweilen reiche es schon aus, wenn Passanten auch nur Teile des Kennzeichens erkennen könnten und weitergeben würden. Schröder konstruiert ein Beispiel: „Würden wir wissen, dass es sich bei unserem angefahrenen VW um einen roten Opel Vectra als Fluchtwagen handelt, der beispielsweise aus Plön kommt, weil ein Zeuge PLÖ auf dem Kennzeichen entziffern konnte, wären wir schon sehr viel weiter, den Täter zu ermitteln.“

 Tatsächlich ist Fahrerflucht bereits ab einem Sachschaden von 50 Euro eine Straftat. Wie intensiv die Polizei ermittelt, das hängt vom tatsächlichen Schaden ab. „Wenn ein Mensch verletzt oder gar getötet wird, setzen wir alles daran, den Flüchtigen zu fassen“, sagt Schröder. Gleiches gilt bei hohem Sachschaden. Schwieriger sieht es bei der kleinen Schramme aus. In letzter Konsequenz muss das Team der Unfallermittler aber dann doch Schaden und Aufwand sorgsam abwägen. „Ein Staatsanwalt hat einmal zu mir gesagt, dass man im Zweifelsfall auch einmal verlieren können muss“, berichtet Maaß.

 Unfallflucht ist ein Massenphänomen. Motive gibt es viele. „Manchmal versuchen Täter, andere Straftaten zu vertuschen – beispielsweise weil sie betrunken sind oder weil ihr Auto keinen Versicherungsschutz hat“, sagt Polizeikommissar Harald Bartels. Bei älteren Verkehrsteilnehmern käme ein weiterer Grund hinzu: „Sie merken es schlichtweg nicht.“ Jüngere Fahrer hingegen seien von der Situation bisweilen schlichtweg überfordert, weil ihnen Praxis fehle. „Grundsätzlich gilt: In jedem Fall muss die Polizei gerufen werden – andernfalls drohen harte Strafen“, sagt der 59-Jährige. Laut Strafgesetzbuch sind neben empfindlichen Geldbußen und Fahrverboten nämlich selbst bei Blechschäden schon Freiheitsstrafen von zwei Jahren und mehr möglich.  Und während die Ermittler noch mit dem VW Passat beschäftigt sind, klingelt das Telefon: ein abgefahrener Spiegel am Kieler Exerzierplatz.  

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