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Ziel: Ende der Bescheidenheit

Landfrauentag in Neumünster Ziel: Ende der Bescheidenheit

„Die Frau in mir – Ein Mann wagt ein Experiment“: Der Selbsterfahrungsbericht des Münchner Autors Christian Seidel, der zwei Jahre als Frau lebte, lockte am Mittwoch 1800 Zuschauerinnen zum Landfrauentag in die Holstenhallen.

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Marga Trede, Präsidentin des Landfrauenverbandes Schleswig-Holstein, wollte den umstrittenen Autor Christian Seidel beim Landfrauentag zu Gast haben. Rund 1800 Besucherinnen zog der Münchener Autor in die Holstenhallen.

Quelle: Beate König

Neumünster. Landfrauen-Präsidentin Marga Trede hatte sich den polarisierenden Bestseller-Autor aus München als Impulse setzenden Gast gewünscht.

 Der erzählende und lesende 55-Jährige öffnete mit den Erlebnissen, die sein Leben komplett umkrempelten, den Blick für die Rolle, die Männer in der Gesellschaft zugewiesen bekommen. Verständnisvolles Gelächter war ihm sicher, als er vom ersten Versuch berichtete, in der Damenunterwäscheabteilung eine Nylonstrumpfhose für sich zu kaufen und an den Denier-Zahlen scheiterte. Der ersten Grenzerfahrung beim Rollentausch-Experiment folgten Dutzende.

 Seidel stellte fest, wie eng Männern die Grenzen des gesellschaftlich Erlaubten gesteckt sind. Sie sollen Leistung zeigen, Gefühle verbergen, sich von Frauen abgrenzen. Männer, die sich nicht konform zu ausgesprochenen oder unausgesprochenen Regeln kleiden, müssen sich dem Vorwurf der Eitelkeit gefallen lassen. „Ich glaube, dass sich Männer nicht mögen“, stellte Seidel nach Selbst- und Fremdbeobachtung fest. Seine provokante Schlussfolgerung: Ein Regierungswechsel ist fällig. Männer hätten seit Tausenden von Jahren Kriege, Krisen, Ungerechtigkeiten erzeugt. Die Empathie fehle. „Die Frauen sollen ran.“

 Die Folgen seines Experiments werfen die Frage auf, ob viele Männer Seidels Empfehlung folgen und ein Jahr lang die Welt der Frau für sich entdecken werden: Die meisten seiner männlichen Freunde wendeten sich ab, als er Frauenkleider anzog und sich schminkte. Erstaunlich für den Autor: „Bei Freundschaft geht es ja um das Wesen eines Menschen. Und das sollte sich durch Äußerlichkeiten nicht ändern.“ Frauen freundeten sich mit ihm an. Und seine Ehe steckt in einem „Definitionsprozess“, seit die alten Rollenprojektionen nicht mehr greifen. „Ich empfinde heute als Mensch, nicht als Mann oder Frau.“

 Für Marga Trede birgt das Thema Geschlechterrollen gesellschaftliche Brisanz. „Wir brauchen eine Gleichstellungspolitik, damit Geschlechtergerechtigkeit endlich in den Köpfen ankommt. Es bedarf eines neuen Rollenverständnisses bei Männern und bei Frauen.“ Leistungen von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen müssten sichtbarer gemacht werden. Dann könnten Forderungen wie eine gerechtere Bezahlung von Männern und Frauen endlich Realität werden. Im ländlichen Raum verdienen Frauen 23 bis 30 Prozent weniger Geld.

 Anke Spoorendonk, Ministerin für Justiz, Kultur und Europa und selbst Landfrau, forderte die aktuell 34000 Landfrauen in den zwölf Kreisverbänden und 176 Ortsvereinen auf, ihre noble Bescheidenheit abzulegen. „Das finde ich persönlich nicht glücklich. Sie sollten zeigen, was Landfrauen in der Region bewegen.“

 Landfrau Anke Slama aus Reinfeld regte Seidels Vortrag zum Nachdenken an. Für sie liegt das Verhalten von Männern und Frauen weniger an von außen aufgezwungenen Rollenbildern. „Mein Sohn wollte seine Tochter mit technischem Spielzeug und Autos großziehen, nach kurzer Zeit wollte das Mädchen alles in Rosa. Das steckt so drin in den Kindern.“ Und ihre Freundin Margret Feddern überlegte laut: „Ich wäre gern ein Mann geworden.“

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