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„Ich lebe jetzt ohne meine Haare“

Alopecia „Ich lebe jetzt ohne meine Haare“

Es traf Manuela Schultz ohne jede Vorwarnung: Eines Tages gingen der Kielerin die Haare aus. Hier und da bildeten sich kreisrunde Stellen. Heute hat sie gar keine Haare mehr und kämpft mit anderen Betroffenen für mehr Offenheit im Umgang mit einer Krankheit, die bis zu 1,4 Millionen Deutsche trifft.

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Manuela Schultz trägt meistens eine Perücke. Doch inzwischen ist sie selbstbewusst, sich auch „ganz oben ohne zu zeigen“.

Quelle: hfr

Kiel. Plötzlich büschelweise in der Hand zu halten, das sei ein Schock gewesen, sagt Manuela Schultz heute. Als Friseurin ahnte sie sofort, dass es Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata) sein musste. „Das hatte ich in der Berufsschule gelernt. Aber dass ich selbst als Friseurin, die immer stolz auf ihr traumhaft volles Haar gewesen ist, betroffen sein sollte – das empfand ich schon als böse Ironie des Schicksals.“ Der Hautarzt bestätigt sofort ihre Vermutung, macht ihr aber auch Mut. Die Autoimmunerkrankung, die nicht ansteckend ist, kann in jedem Alter auftreten, aber auch wieder verschwinden.

 „Bei mir war es eher wellenförmig. Die Stellen wuchsen wieder zu, dann kamen neue hinzu. Irgendwann verlor ich fast alle Haare. Dann wuchsen wieder graue Haare nach“, erzählt die 54-Jährige. „Die hielten aber nur drei Monate, dann waren alle Haare weg, auch Wimpern, Brauen, Körperhaare. Bis heute.“ Es ist die schwerste Form der Erkrankung, Alopecia areata totalis.

 Natürlich informiert sie sich über die Therapiemöglichkeiten, probiert auch eine Therapie aus. Doch die Nebenwirkungen setzen ihr zu. „Mein Mann stand von Anfang immer hinter mir. Dadurch konnte ich irgendwann sagen: Die Krankheit ist da, und ich lebe jetzt ohne meine Haare.“ Seither teilt das Paar das Schlafzimmer mit einer kleinen Perückensammlung. „Das erste Mal mit Perücke war schrecklich. Aber heute kann ich darüber reden. Es ist sogar so, dass ich durch Alopecia viel selbstbewusster geworden bin. Ich traue mir viel mehr zu.“

 Eine wichtige Rolle dabei haben andere Betroffene gespielt, mit den sich die Kielerin im Internet austauscht. Frauen wie Lisa Haalck, die 27jährige Studentin, die mit elf Jahren erkrankte und heute sehr offen redet über ihre Sehnsucht, wie andere Mädchen Mascara, Zopfgummis und Conditioner zu kaufen. Und über „die große Frage, ob man(n) Glatzen genauso ekelhaft findet, wie so manches Mal ich selber meine eigene.“ Und die sich wie Manuela Schultz wünscht, dass die Menschen offen auf sie zugehen. „Es nervt, dass man sofort in die Schublade Chemotherapie gesteckt wird. Bitte einfach mal fragen: Warum haben Sie keine Haare?“

 Mehr Aufklärung über die Krankheit und mehr Akzeptanz für ein Leben ohne Haare – das soll nun eine Wanderausstellung mit Fotos von betroffenen Frauen erreichen. Um das Projekt zu finanzieren, sammeln die Betroffenen jetzt Geld über die Internetplattform „startnext.com“. Dort sagt jeder Sponsor eine bestimmte Summe zu. Das Geld fließt nur, wenn das Projekt realsisiert wird.Für jeden Sponsor gibt es ein Dankeschön. Manuela Schultz hofft, dass auf diesem Weg die Wanderausstellung zustande und auch nach Kiel kommt. „Das wäre ein tolles Zeichen der Solidarität und würde zeigen, dass mehr Menschen klar geworden ist: Alopecia kann jeden jederzeit treffen.“

 

 www.startnext.com/schoenlinge

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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