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„Es erschüttert immer wieder“

„Marsch des Lebens“ von Hamburg nach Kiel „Es erschüttert immer wieder“

Sie gingen den gleichen Weg wie die Häftlinge der Gestapo und der SS vor exakt 70 Jahren: In den vergangenen Tagen haben sich hunderte Menschen in Schleswig-Holstein an einem sogenannten „Marsch des Lebens“ beteiligt. Vom vergangenen Mittwoch bis Sonntag liefen sie mit Fahnen und Transparenten in mehreren Etappen von Hamburg über Kaltenkirchen und Neumünster nach Kiel.

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Am Gedenkstein des ehemaligen Lagers „Nordmark“ in Kiel-Russee endete der fünftägige „Marsch des Lebens“. Hinrich Kaasmann (Mitte), Vorstand vom Freundeskreis von Yad Vashem, leitete die Gedenkveranstaltung.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Die Teilnehmer wollten an die grausamen Verbrechen erinnern, bei denen die Nationalsozialisten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges tausende Menschen überall im damaligen Deutschen Reich zu Tode hetzten. Vor 70 Jahren war ein Ziel dieser sogenannten Todesmärsche das „Arbeitserziehungslager Nordmark“. Auf dem Gelände in Kiel-Russee waren von 1944 bis 1945 insgesamt bis zu 5000 Menschen inhaftiert, mindestens 578 von ihnen überlebten die Haftbedingungen in Kiel nicht. Der gestrige letzte Abschnitt des Gedenkmarschs führte etwa 200 Teilnehmer am Mittag an das Ufer des Russees, wo das Lager stand.

 Am Gedenkstein kamen Zeitzeugen zu Wort. Unter den Augen von Ruthy Sherman, der Tochter einer Überlebenden des Lagers, erinnerte Hans-Rolf Dräger, ehemaliger Schulleiter der Kieler Theodor-Heuss-Schule, an die damaligen Zustände und daran, dass er sich später aufrichtig als Deutscher stellvertretend für das Unrecht bei der Familie entschuldigt habe. Anschließend pflanzten sie als Zeichen der Versöhnung gemeinsam einen Mandelbaum.

 Kiels Bürgermeister Peter Todeskino (Grüne) war als offizieller Vertreter der Stadt zur Gedenkveranstaltung gekommen. Er unterstrich, wie beschämend es sei, dass damals „jeder Kieler etwas gesehen hat, später aber keiner etwas gewusst haben will“. Heute sei es nicht mehr vorstellbar, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Häftlinge damals vegetiert hätten. „Es erschüttert mich immer wieder, wenn ich hier vorbeikomme“, sagte Todeskino, der in unmittelbarer Nähe wohnt. Der Bürgermeister erklärte, er sei sehr froh, dass er in einer Stadt lebe, die sich in letzter Zeit immer wieder deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit und Tendenzen einer neuen Rechten Bewegung stelle.

 Im Vorfeld der gestrigen Veranstaltung hatte es einige Irritationen gegeben. Der Grund: Hinter den Organisatoren, die in ganz Deutschland und vielen angrenzenden Ländern zu den Märschen aufrufen, steht ein ein umstrittenes Freikirchliches Missionswerk. Die evangelische Nordkirche hatte ihren Gemeinden deswegen von einer Beteiligung am „Marsch des Lebens“ abgeraten. Hinter den Initiatoren stehe eine „von evangelikal-charismatischen Kreisen getragene Bewegung“, heißt es in einer Mitteilung der Nordkirche. Auch wenn das Anliegen der Veranstaltung unterstützenswert erscheine, würden die Gedenkrouten benutzt, um für ein Weltbild zu werben, das „auf dem Glauben an Geister und Dämonen sowie einem theologisch fragwürdigen Konzept von Buße und Versöhnung“ beruhe.

 Bürgermeister Todeskino hatte Kenntnis von der Warnung der Nordkirche und entschied sich, trotzdem am Gedenkstein zu sprechen. Als gläubiger evangelischer Christ habe er sich nicht abhalten lassen, „für diese gute Sache einzustehen“, so Todeskino. Auch Kurt Riecke, Propst im Kirchenkreis Altholstein, erklärte auf Anfrage, dass vor allem im südlichen Schleswig-Holstein zahlreiche Christen der Nordkirche den Marsch und seine Protagonisten offen aufgenommen hätten. Auch wenn die Organisation „Christliche Israelfreunde Norddeutschlands und Hamburgs“ politisch und theologisch fragwürdige Postionen vertrete, sei die Aktion eine Möglichkeit, der Schrecken vor 70 Jahren zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten, sagte Riecke.

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH

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