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„Die letzten Opfer des Krieges“

Matrosen hingerichtet „Die letzten Opfer des Krieges“

Am 10. Mai 1945 werden drei Matrosen bei Gelting wegen Fahnenflucht hingerichtet. Am Himmelfahrtstag und zwei Tage nach der Kapitulation. Kurz zuvor schreibt einer von ihnen, Alfred Gail, an seine Eltern: „Wir werden die letzten Opfer dieses Krieges sein, und auch umsonst, wie so viele Gefallene.“

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Erschossen nach Ende des Krieges: Fritz Wehrmann (26) und Alfred Gail (20).

Quelle: hfr

Steinberg. Alfred Gail (20), Martin Schilling (22) und Fritz Wehrmann (26) waren am 5. Mai in Dänemark desertiert. Auslöser war die Nachricht: Eine Abordnung des Oberkommandos der Wehrmacht hatte sich mit sämtlichen Streitkräften in Nordwestdeutschland, Dänemark und Holland dem britischen Feldmarschall Montgomery ergeben. Die drei jungen Matrosen wollten sich daraufhin zu ihren Familien durchschlagen, wurden aber entdeckt, festgenommen und bei Gelting Marineoberst Rudolf Petersen übergeben. Er rief am 9. Mai ein Kriegsgericht ein, das die drei jungen Matrosen wegen „schwerer Fahnenflucht“ zum Tode verurteilte – ohne juristischen Beistand, ohne das Recht auf ein Gnadengesuch.

 Am 10. Mai um 16 Uhr wurde das Todesurteil an Bord der „Buéa“ vollstreckt. Wie, das gaben Augenzeugen von der Mannschaft später zu Protokoll. Danach „brüllte“ zunächst der Batallionsführer vor versammelter Mannschaft, dass die Matrosen wegen ihrer „todeswürdigen“ Verbrechen „ausgelöscht“ werden müssten. Dann sollen zehn Soldaten auf die aneinandergebundenen Verurteilten gefeuert haben und dafür mit zwei Flaschen Cognac belohnt worden sein. Der Leiter des Erschießungskommandos habe dann auf noch auf jeden der Drei einen „Gnadenschuss“ abgegeben. Nach der Leichenschau seien die drei Matrosen beschwert mit Grundgewichten in der Ostsee versenkt worden.

 Die Mutter von Fritz Wehrmann zeigte den Verantwortlichen des Kriegsgerichts, Rudolf Petersen, später wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit an. Als er und die anderen Kriegsrichter vom Landgericht Hamburg 1953 freigesprochen wurden, nahm sich die Mutter von Alfred Gail das Leben. Petersen soll später unter anderem beim Militärischen Abschirmdienst gearbeitet und nie Reue gezeigt haben. Er habe, wie vom Landgericht Hamburg bestätigt, nur das geltende nationalsozialistische Recht angewendet. Petersen starb Anfang 1983: Jugendliche hatten ihm in der Neujahrsnacht einen Feuerwerkskörper ins Gesicht geschleudert.

 Jochen Missfeldt hat den sinnlosen Tod der drei jungen Matrosen in dem Roman „Steilküste“ verarbeitet. Am 10. Mai wird er auf einer Gedenkveranstaltung des Vereins Mahnmal Kilian daraus lesen. Der Verein will damit auf das Schicksal der Deserteure der Wehrmacht insgesamt aufmerksam machen. „Sie waren nicht nur im Krieg selbst härtesten Strafen und größter Verachtung ausgesetzt. Rund 20000 von 30000 Todesurteilen gegen Deserteure wurden vollstreckt“, sagt Organisatorin Bettina Kreck. Auch nach dem Krieg wurden die Deserteure als Vaterlandsverräter und Feiglinge diffamiert und ausgegrenzt. Erst 2002 wurden die Urteile gegen sie vom Deutschen Bundestag pauschal aufgehoben, die Betroffenen moralisch rehabilitiert, ihre Ansprüche auf Entschädigung anerkannt. „Bis dahin waren SS-Angehörige besser gestellt als Deserteure“, sagt Bettina Kreck.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH