27 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Nur noch regionale Produkte?

Doku mit Familie aus Kirchbarkau Nur noch regionale Produkte?

Lebensmittel aus der Region stehen hoch im Kurs. Aber wie weit kommt man wirklich mit dem, was in der Umgebung produziert wird? Familie Piontkowski aus Kirchbarkau hat es vier Wochen lang ausprobiert und sich dabei von der Kamera begleiten lassen.

Voriger Artikel
Nabu: Schleswig-Holsteiner sollen Vögel zählen
Nächster Artikel
Zeitung: FDP will weiter für Erhalt der Bäderbahn kämpfen

Selbstversuch: Als Erstes markierten Inga (41) und Oliver Piontkowski (43) mit ihren Kindern Birk Mattis (10), Jonna (6) und Linnea (12) den 30-Kilometer-Radius um Kirchbarkau, aus dem die Lebensmittel stammen sollten.

Quelle: +

Kirchbarkau. Als Filmemacher Tim Boehme mit der Idee des Ernährungsexperiments bei Inga Piontkowski auftauchte, hat die dreifache Mutter spontan zugesagt. Brot backt sie ohnehin selbst und sonst nutzt sie am liebsten frische, ökologisch erzeugte Lebensmittel. Alles aus der Region – das kann doch nicht so schwierig sein, dachte die 41-Jährige. Doch bald stellte sich heraus, dass der Teufel wie so oft im Detail steckt.

 Auf der Schleswig-Holstein-Karte zog die Familie erst einmal einen 30-Kilometer-Radius um ihren Wohnort Kirchbarkau bei Kiel. Aus diesem Gebiet sollten alle Lebensmittel für den nächsten Monat stammen. „Wir hatten Glück, dass Erntezeit war und das Angebot aus dem Garten und den Höfen ringsherum üppig“, berichtet Inga Piontkowski. Doch schon bei ihrer ersten Mahlzeit nach den neuen Regeln gab es am Tisch lange Gesichter. Es fehlte das Salz in der Suppe.

 „Es kostete viel Zeit, erst einmal herauszufinden, was heute noch wo produziert wird. Dann musste ich einen Plan aufstellen, was wir wann wo kaufen müssen, um nicht allzu viel mit dem Auto herumfahren zu müssen“, erinnert sich die Mutter. Die Mühe lohnte sich, denn in den 30-Kilometer-Radius werden überraschend viele Lebensmittel erzeugt: Kartoffeln, Gemüse, Obst, Eier, auch Milch, Joghurt, Käse und Fleisch. Aber was ist mit Fett? Womit soll gebraten, gebacken, das Brot bestrichen werden? Die einzige Möglichkeit: selbst herstellen. Doch wo wird heute in der Region noch Sahne hergestellt?

 In der Meierei Wasbek wurde die Familie schließlich fündig. Von nun an wurde gebuttert. „Aber natürlich waren wir genervt, wenn es vor dem Essen hieß: Wer kann noch mal eben Butter schütteln? Das dauert ja jedes Mal zehn bis 15 Minuten“, erinnert sich die Familie. Als echtes Problem entpuppte sich jedoch schon bald das Dressing für Salate. Öl und Essig aus der Region ließen sich nirgendwo aufspüren. Also wurde selbst Essig angesetzt – und das Ergebnis einhellig als ungenießbar eingestuft. Mit dem Öl, das Vater Oliver Piontkowski selbst aus Rapssaat quetschte und filterte, klappte es deutlich besser. Das Öl war richtig lecker, die Herstellung allerdings nicht ohne Mühe.

 Es gab aber auch ein paar unbeschwerte Highlights. „Wir waren in dem riesigen Kräutergarten von Robert Stolz“, erzählt der zehnjährige Birk Matthis begeistert. Robert Stolz aus Plön wurde so etwas wie der Pate bei dem Ernährungsprojekt. Der Sternekoch zelebriert konsequent seit vielen Jahren die regionale Küche: Die Lebensmittel für die Restaurantküche werden in Norddeutschland und im dänischen Grenzgebiet erzeugt. Seit 15 Jahren benutzt Stolz kein Olivenöl mehr, auch fertiges Tomatenmark und Knoblauch hat er verbannt. Es gibt Alternativen, ist sein Credo. Öl aus Kürbiskernen, Weizengras oder Bucheckern zum Beispiel. Als der Familie aus Kirchbarkau das salzlose Essen zu fade wurde, weihte Robert Stolz sie in die Wildkräuter ein. „Toll, was alles Essbares in der Natur wächst“, waren sich danach alle einig.

 Doch irgendwann drohte die Meuterei. Der Heißhunger auf Süßes und Saures, auch der erhebliche Zeitaufwand zermürbten zunehmend. „Das Experiment wäre wohl gescheitert, wenn wir nicht die Ausnahmeregelung gefunden hätten. Jeder durfte sich ein Produkt wünschen“, berichtet Inga Piontkowski. Endlich Zucker, endlich Hefe für Pizza!

 „Die Familie hat durchgehalten. Das war überhaupt nicht selbstverständlich“, betont Tim Boehme, der das Experiment für den NDR dokumentiert hat, voller Respekt. Im Nachhinein, sagt das Lehrerpaar, sei es trotz des Aufwandes eine wertvolle Erfahrung gewesen. „Man begreift, wie viel Arbeit in der Herstellung von Lebensmitteln steckt. Wir schauen heute beim Einkauf immer auf die Herkunft, und weil die Wege der Produkte oft sehr weit sind, ernähren wir uns stärker saisonal als früher“, sagt Inga Piontkowski. Um die eigene Erntesaison zu verlängern, baut die Familie jetzt ein Gewächshaus.

 Übrigens: Auch beim Salz wurden Piontkowskis noch fündig – bei Christopher Walter, der in Strande Salz aus Ostseewasser gewinnt.

Der NDR zeigt den Film „Total lokal –Essen aus der Region“ am Freitag, 8. Mai 2015, um 21.15 Uhr.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

KN-KSV-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele von Holstein Kiel im KN-KSV-Liveticker.

Anzeige
ANZEIGE