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Wenn Polizisten im Müll wühlen

Nord- und Ostsee Wenn Polizisten im Müll wühlen

Als Götz von Elbe 1991 bei der Reederei Hapag-Lloyd als Schiffsmechaniker anheuerte, war Müll auf See noch kein Thema. Dass er 24 Jahre später als Polizeihauptkommissar Mülltonnen und Fäkalientanks kontrollieren würde, hätte sich der 40-Jährige damals nicht vorstellen können.

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Beamte der Wasserschutzpolizei Kiel überprüfen die Mülltrennung und den Inhalt der Müllcontainer auf dem Ladedeck einer Frachtfähre im Kieler Hafen.

Quelle: Frank Behling

Kiel. 1991 war es üblich, Abfälle auf hoher See zu verklappen. Es hat sich aber viel getan. Nord- und Ostsee sind mittlerweile Sondergebiete, in denen nur noch unbehandelte Lebensmittel über Bord dürfen.

Geregelt ist alles im Kapitel V des Marpol-Abkommen. Marpol steht für International Convention for the Prevention of Marine Pollution from Ships, das Abkommen für den Umweltschutz auf See wurde erstmals 1973 durch die Weltschifffahrtsorganisation IMO aufgelegt. Erst ging es nur um Öl, dann wurden nach und nach auch die Behandlung von Abwasser, Müll und Abgasen Teil von Marpol. „Darin ist alles genau geregelt. Die Besatzungen müssen sich nur daran halten. Wir sind für die Kontrolle da“, sagt Götz von Elbe. Der Beamte des Wasserschutzpolizeireviers Kiel hat sich durch seine eigene Seefahrtzeit besonders in die Materie eingearbeitet. Die Kontrollen sind Aufgabe der Wasserschutzpolizei, am Dienstag in Kiel nahm sie die litauische Frachtfähre „Botnia Seaways“ unter die Lupe.

 Kurz nach 10 Uhr bekam das Schiff im Ostuferhafen Besuch vom Polizeiboot „Neumühlen“. Als Götz von Elbe und sein Kollege Marc Mendel (38) zur Wache an der Laderampe kommen, weiß die Besatzung sofort, was los ist. Ein Matrose bringt die Beamten in die Messe, wo der litauische Kapitän bereits wartet. Der Ton ist freundlich. Zwar liegt eine 48-stündige Seereise von St. Petersburg nach Kiel hinter ihm. Dennoch kann ihn nichts aus der Ruhe bringen. Eine Kontrolle nach Marpol schon gar nicht. Er lässt seinen ersten Offizier und den Chef-Ingenieur kommen. Als Kapitän sei er zwar verantwortlich, die Einhaltung aller Vorschriften habe er aber an seine Offiziere delegiert.

 Der erste Offizier schleppt Ordner heran. Der Tisch in der Messe füllt sich unter den kritischen Blicken der Beamten mit Dokumenten, Quittungen, Bedienungsanleitungen und Vorschriften. „Wir prüfen, ob es einen Müllbehandlungsplan gibt und ob die Mülltrennung auch funktioniert“, sagt von Elbe. Der litauische Offizier reicht Ordner für Ordner. Penibel genau ist aufgelistet, dass alle Seeleute in Mülltrennung unterwiesen wurden und alle Pläne ausgehängt sind. Die Größe der Mülltonnen ist genau geregelt. „Die Leerung erfolgt immer in St. Petersburg“, sagt der Offizier. Er präsentiert alle Bescheinigungen der russischen Müllentsorgung mit Datum und Stempel. „Das sieht gut aus. Die letzte Abgabe war demnach am 25. Juli. Deshalb dürfte in den Behältern nicht viel sein“, sagt von Elbe nach der etwa einstündigen Prüfung: „Das wollen wir doch mal sehen.“ Der Offizier führt die Beamten aufs Ladedeck. Die Müllbehälter sind ordnungsgemäß beschriftet: Essensreste, Plastikmüll, Restmüll. Zwei Behälter sind tatsächlich fast leer. Der Container für Plastikmüll aber ist randvoll. Die Polizisten stochern in den Säcken herum und stoßen plötzlich auf Dämm-Material. „Das ist aber kein Plastikmüll, das ist Sondermüll. Das geht so nicht“, sagt von Elbe. Unter der Besatzung wird es kurz laut. Die Seeleute beschimpfen sich gegenseitig. Danach muss einer ran und den Müllcontainer ausräumen. Von den Beamten gibt es für diesen Verstoß eine Verwarnung: 55 Euro werden fällig. Zahlen muss der erste Offizier. Unter den strengen Augen des Kapitäns übergibt er das Geld den Polizisten.

 „Wenn wir schon mal hier sind, dann schauen wird uns auch noch gleich mal das Abwassersystem an“, sagt von Elbe. Das Thema Abwasser ist im Regelwerk Marpol IV erfasst. Alle Fähren auf der Ostsee haben Abwasseraufbereitungsanlagen. Der Chef-Ingenieur führt die Beamten hinab ins Vorschiff. Irgendwann steigt bei dem Abstieg ein strenger Geruch in die Nase. „Hier sind wir richtig“, sagt von Elbe und steht vor der bordeigenen Kläranlage. Das 2000 in China gebaute Schiff hat ein „Wärtsilä Hamworthy Sewage Treatment Plant“ – ein dreistufiges Klärwerk aus Finnland. Mit der Taschenlampe in der Hand klettert der Beamte auf das Klärwerk, öffnet die Abdeckung und prüft die Schächte für die Chlortabletten. „Daran kann man sehen, ob die Anlage auch in Betrieb ist. Sie scheint aber okay zu sein“, sagt der Polizist. „Der Gesamteindruck des Schiffes ist schon sehr gut“, lautet das Fazit nach zwei Stunden.

 Das ist nicht immer so. Erst im Januar waren die Beamten im Kanal auf einem griechischen Frachter. Noch während der Kontrolle pumpte die Besatzung ungeklärte Abwässer über Bord. Die Folge war ein sofortiges Auslaufverbot. „Deshalb ist es wichtig, dass wir den Kontrolldruck hoch halten“, sagt Götz von Elbe.

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Ein Artikel von
Frank Behling
Lokalredaktion Kiel/SH

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