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Männer-Beratung droht das Aus

Opfer sexueller Gewalt Männer-Beratung droht das Aus

In Schleswig-Holstein suchen immer mehr Männer, die in ihrer Kindheit, Jugend oder als Erwachsene Opfer sexueller Gewalt geworden sind, die Unterstützung von Psychologen.

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Psychologin Imke Deistler setzt sich für die Fachberatungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt ein.

Quelle: bas

Kiel. 640 Gespräche zählte die landesweite Informations- und Beratungsstelle in Kiel im vergangenen Jahr – Tendenz steigend: „15 Prozent aller Männer haben sexuelle Gewalt erlebt“, berichtet Geschäftsführerin Imke Deistler. Auch bei traumatisierten Flüchtlingen sei therapeutische dringend Hilfe notwendig: „Vergewaltigung – auch bei Männern – ist eine Kriegswaffe“, warnt die Psychologin. Dennoch steht das Projekt vor dem Aus: Das Land hat die Förderung gestrichen und erntet dafür scharfe Kritik der Opposition.

 Schlafstörungen, Depressionen und Ängste sind die häufigsten Symptome, unter denen Opfer sexueller Gewalt leiden. „Unser Ziel ist es, den Betroffenen zu helfen, dass sie das Erlebte artikulieren können, eine gute Beziehung zu sich selbst und anderen aufbauen, positive Ziele entwickeln und die eigenen Gefühle wahrnehmen“, skizziert Imke Deistler. Die 47-Jährige ist die für Beratungsstellen zuständige Geschäftsführerin beim Frauennotruf Kiel und eine der Initiatorinnen, die 2010 das Projekt einer eigenen Fachberatungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt vorangetrieben haben. „Immer häufiger hatten Männer sich hilfesuchend an uns gewandt. Sie wollten unter anderem wissen, wie mit Symptomen eines Missbrauchs umzugehen ist“, berichtet Deistler. Durch die öffentliche Diskussion über die Missbrauchsfälle bei der katholischen Kirche hätten viele Betroffene den Mut gefasst, ihr Schweigen zu brechen.

 2012 startete das landesweite Projekt. Vom ersten Tag an sei das Angebot stark frequentiert worden. „Die jüngsten Männer, die zu uns kamen, waren 18 Jahre alt, der älteste Mann war 78“, bilanziert die Diplom-Psychologin. Schwerpunkt der Arbeit seien Opfer in der Altersgruppe 40 bis 50 Jahre. Dass die Informations- und Beratungsstelle für männliche Betroffene von sexueller Gewalt als befristetes Modellprojekt initiiert worden war, wussten die Verantwortlichen. Auch dass die finanzielle Unterstützung Mitte 2014 ausläuft, war den Verantwortlichen der Fachberatungsstelle bewusst, deshalb suchten sie das Gespräch mit den Landtagsfraktionen und warben für die Fortsetzung der Finanzierung ihrer Beratungsstelle. Vergeblich.

 Ein Schritt in die falsche Richtung, meint Johannes-Wilhelm Röhrig, unabhängiger Beauftragter des Bundes für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. „Wir haben in Deutschland nur sieben Beratungsstellen, die spezialisiert sind auf von sexuellen Missbrauch betroffene Jungen und Männer. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die Förderung für ein so enorm wichtiges spezialisiertes sowie landesweit anerkanntes und gut genutztes Angebot eingestellt wurde“, schreibt Röhrig in einem Brief an Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) und fordert sie auf, sich persönlich für die weitere Finanzierung einzusetzen.

 Für Marret Bohn, Gesundheitsexpertin der Grünen im Landtag, ist die Beratung männlicher Opfer sexueller Gewalt außerordentlich wichtig. „Die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch, die Stigmatisierung groß“, bekräftigt sie. Daher habe das Land das Projekt im Sommer 2014 nach Auslaufen der auf zwei Jahre befristeten Förderung mit 25000 Euro weiterfinanziert. „Geplant war dies als Brückenfinanzierung, da zum damaligen Zeitpunkt auf Bundesebene Gespräche über eine deutschlandweite Stärkung der Beratungsstruktur für Opfer sexueller Gewalt stattfanden“, sagt Bohn. Die Entscheidung sei allerdings anders ausgefallen als erwartet, die Beratungsstelle von männlichen Opfern nicht berücksichtigt worden. Die Konsequenz: Betroffene müssten durch vorhandene Beratungsstellen in Schleswig-Holstein betreut werden. „Wir gehen davon aus, dass Hilfesuchende dort Ansprechpartner finden und aufgefangen werden“, sagt die Grünen-Politikerin.

 Ein Wunsch, den zumindest Imke Deistler und ihre Kolleginnen in Kiel nicht erfüllen können. „So sehr es uns auch schmerzt, wir müssen Hilfesuchende wieder wegzuschicken. Und ein vergleichbares Angebot, an das wir verweisen können, gibt es im Land nicht“, sagt die 47-Jährige. Aufgeben will sie nicht: Mit einer Spendenaktion soll die Arbeit jetzt weiterfinanziert werden. Spätestens im kommenden Jahr soll ein neuer Antrag beim Land eingereicht werden. Übergangsweise soll eine Gesprächsgruppe für Betroffene eingerichtet werden.

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Sexuelle Gewalt in Schleswig-Holstein
Foto: Weist Kritik zurück: Sozialministerin Kristin Alheit (SPD).

Immer häufiger suchen männliche Opfer sexueller Gewalt in Schleswig-Holstein nach professioneller Hilfe. Zweieinhalb Jahre lang hat die landesweite Informations- und Beratungsstelle in Kiel als eine von bundesweit nur sechs Facheinrichtungen traumatisierte Betroffene betreut. Im vergangenen Jahr ließen sich dort 640 Männer beraten. Nun steht das Hilfsprojekt vor dem Aus.

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