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"Bleibt der Wolf, muss ich aufgeben"

Blumenthal "Bleibt der Wolf, muss ich aufgeben"

Der Anblick ist erschreckend: 19 tote Mutterschafe liegen neben dem Stall von Jan Siebels in Blumenthal, daneben die Kadaver von sechs Lämmern. Er ist müde, die halbe Nacht hat er gemeinsam mit Ehefrau und Söhnen gerissene und verletzte Schafe von einer Koppel am Gestüt Heidberg geborgen. Für ihn steht fest: „Es war ein Wolf.“

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Landwirt Jan Siebels (rechts) begutachtet mit Hauke Göttsch die Kehlbisse an seinen Mutterschafen. Für ihn steht fest: "Es war ein Wolf."

Quelle: Sorka Eixmann

Blumenthal. Das Drama hat offensichtlich am Dienstagnachmittag begonnen. Gegen 16 Uhr bekam Siebels einen Anruf mit der Information, dass tote Tiere auf seiner Weide am Gestüt Heidberg in der Nachbargemeinde Schierensee liegen. Dort grasen rund 100 Schafe mit mehr als 200 Lämmern auf einer Fläche von mehr als 24 Hektar. „Wir machten uns unverzüglich auf den Weg, ich habe zuvor noch das Wolfsinformationszentrum sowie Hauke Göttsch informiert“, erinnert sich der 46-Jährige. Auf der Koppel bot sich den Wolfsbeauftragten Jens Matzen, Andreas Scheck und Wolfgang Springborn sowie Jan Siebels und seinen Söhnen ein grauenhafter Anblick: „Einige Tiere waren durch Kehlbisse getötet, andere liefen mit angefressenen Eutern und raushängenden Därmen über das Feld“, sagt der Schäfer. Sein zwölfjähriger Sohn bringt es mit drastischen Worten auf den Punkt: „Es war wie ein Massaker.“ Tote Lämmer lagen in den Senken, andere Lämmer nuckelten bei ihren toten Müttern nach Milch – „Ich bin Landwirt und Jäger und habe schon viel gesehen, aber das war grausam“, bestätigt auch Hauke Göttsch (CDU), der sich als Umwelt- und Agrarausschussvorsitzender im Landtag einen Überblick verschaffen wollte.

Die verletzten Tiere wurden eingefangen, einige mussten sofort durch einen Tierarzt erlöst werden. Die Lämmer wurden in den Stall nach Blumenthal gebracht, dort versuchen die Siebels zu retten, was zu retten ist. Aber: „Wenn die Lämmer die ersten Tage bei ihren Müttern verbracht haben, dann ist es fast unmöglich, sie am Automaten zum Trinken zu bewegen. Die meisten werden eingehen“, ist der Landwirt sicher. Genauso sicher, wie er den Übeltäter beim Namen nennt. „Das war ein Wolf.“ Siebels weiß, wovon er spricht, bereits im Frühjahr verlor er vier Schafe auf einer Winterkoppel in Hasenmoor an das Raubtier, das Schreiben mit der Entschädigungsforderung ist gerade in seiner Post gewesen. „Die Symptome waren gleich, unter anderem der Kehlbiss“, ärgert sich Siebels. „Ich bin seit 13 Jahren Schafhalter, 1000 Mutterschafe gehören zu uns, wenn der Wolf bleibt, muss ich aufgeben, denn ich kann mich nicht wehren, sondern nur zusehen.“ Er sieht seine Existenz gefährdet, denn Siebels lebt vom Lämmerverkauf.

Das Innenministerium wurde bereits tätig. Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erklärte: „Wir wissen noch nicht, ob es ein Hund oder ein Wolf war. Aber die Schäden haben eine in Schleswig-Holstein bislang nicht gekannte Dimension. Tierhalter sollten ihre Schafe und Lämmer in jedem Fall gut schützen, und als Land tun wir unser Möglichstes, sie dabei zu unterstützen.“ Von den getöteten Tieren wurden Abstriche genommen, um mit Hilfe der genetischen Untersuchungen im Senckenberg-Institut zu klären, ob ein Wolf oder ein Hund angegriffen hat. „Mit Ergebnissen ist frühestens in zwei Wochen zu rechnen“, weiß Göttsch. Jan Siebels erhält leihweise ein Herdenschutzpaket mit Elektrozäunen kostenfrei zur Verfügung gestellt, Mittwochnachmittag haben Helfer begonnen, den Zaun zu errichten.

Hauke Göttsch will sich beim Ministerium für Entschädigung einzusetzen. „Dem Landwirt muss unbürokratisch geholfen werden.“ Er betont: „Wenn wir uns den Wolf leisten wollen, dann müssen wir auch bezahlen.“ Zudem müsse was am Wolfsmanagement geändert werden, wenn es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt haben sollte. „Sonst ist die Weidehaltung im Herzen des Landes nicht mehr möglich.“

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Ein Artikel von
Sorka Susann Eixmann
Holsteiner Zeitung

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Foto: Landwirt Jan Siebels (rechts) begutachtet mit Hauke Göttsch die Kehlbisse an seinen Mutterschafen.

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