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Schattenseite der Windkraft

Fauchender Rotorenlärm Schattenseite der Windkraft

Von Jahr zu Jahr meldet Schleswig-Holstein neue Rekordzahlen beim Ausbau der Windkraft. Mehr als 450 neue Turbinen gingen allein 2014 landesweit ans Netz. Landbesitzer, Investoren und Betreiber freuen sich meist über gute Renditen. Doch im Schatten der immer größer werdenden Windräder wächst der Unmut.

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Anwohnerin Susanne Kirchhof und ihre Bekannten Olaf und Birgit Sass leben am Ortsrand von Holtsee im Schatten der Windkraft. An den Anblick der Türme haben sie sich gewöhnt, an den Geräuschpegel jedoch nicht.

Quelle: Michael Kaniecki

Holtsee. Birgit (54) und Olaf (56) Sass leben seit fast 20 Jahren auf einem idyllischen Fleck Schleswig-Holsteins. Am Ortsrand von Holtsee in der Nähe des Gutes Altenhof hatten sie einen weiten Blick über sanfte Hügel. „Und dann kamen Fukushima und die Windräder“, sagt Olaf Sass, der als Pflanzenzüchter arbeitet. Zehn der modernsten und größten Windkrafträder des Landes drehen sich jetzt unweit des futuristischen Hauses mit seinen vielen Glasfronten. Rechtlich stehen die Türme in ausreichendem Abstand. Doch 500 Meter fühlen sich für die Anwohner nah an. Denn: In 200 Meter Höhe drehen sich riesige Rotoren. Dreimal splitterten in den vergangenen Monaten – 20 Jahre nach ihrem Einbau – riesige Scheiben des gläsernen Wohnhauses. Einen Zusammenhang mit dem Druck der Rotoren will die Versicherung jedoch nicht sehen.

 Die ersten Windräder kamen vor einem Jahr ins Blickfeld des Ehepaares Sass. Die letzten vor wenigen Wochen. Ständig habe Olaf Sass jetzt das Gefühl, ein Gewitter ziehe auf. Dafür verantwortlich sei vermutlich der sogenannte Infraschall, der Tag und Nacht von den Anlagen ausgehe und der vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen wird. In der Wissenschaft sind die Auswirkungen von Infraschall auf den Organismus umstritten.

 Klar ist aber: „Wegen ihrer Höhe und der Größe der Segelfläche strahlen die Riesen permanent einen fauchenden Lärm ab“, sagt Olaf Sass. „Egal bei welcher Windrichtung.“ Besucher wunderten sich immer wieder, wie laut die Windräder tatsächlich seien. Bisherige Schallmessungen hätten jedoch keine Überschreitungen festgestellt. Laut Genehmigungsbescheid des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume dürfen die Türme tagsüber einen Schalldruckpegel von 60 Dezibel (dBA) nachts von 45 Dezibel nicht überschreiten. Ansonsten müsse der Betreiber technisch nachrüsten und die Anlagen zeitweise drosseln.

 Dass alles innerhalb der Grenzwerte liegt, daran hat Olaf Sass keinen Zweifel. Aber: „Das geltende Recht passt hier definitiv nicht zu dieser neuen Generation von Anlagen. Im Moment wird nach meinem Eindruck Energiepolitik mit der Dampfwalze gemacht und zu den Kollateralschäden gehören eindeutig auch Anwohner wie wir, denen solche Windparks in den Hinterhof gesetzt werden.“ Grundsätzlich habe er nichts gegen die Windkraft, auch nicht vor seiner Haustür, betont Sass. Den sogenannten Disko-Effekt hat der Betreiber mit einer Software in den Griff bekommen und auch gegen den Anblick der Türme habe sich die Familie gewöhnt. Aber: „In anderen Bundesländern sind die Mindestabstände zur Wohnbebauung deutlich größer.“ Er fordert deshalb Korrekturen von der Landespolitik.

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH

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Besteht für Menschen, die in der Nachbarschaft von Windenergieanlagen wohnen, ein erhöhtes Krankheitsrisiko? Gesundheitsgefahren durch Windkraft – das Thema entwickelt derzeit in Schleswig-Holstein eine neue Dynamik. Im Norden formiert sich daher Widerstand gegen die Anlagen. Im Fokus: der Infraschall, also der Schall, den Menschen nicht hören können.

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