16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Der Knast wird kindgerecht

Schleswig-Holstein Der Knast wird kindgerecht

Der Strafvollzug in Schleswig-Holstein soll kinderfreundlicher werden. Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) plant einer parlamentarischen Kleinen Anfrage der FDP zufolge eine Reihe von Maßnahmen. Aus gutem Grund: Jeder zweite Strafgefangene im Norden hat minderjährige Kinder.

Voriger Artikel
Die Geschichte der „Blue Sky M“
Nächster Artikel
Polizist schießt sich beim Waffereinigen in die Hand

Spielzimmer hinter Gittern: Jeder zweite Häftling in Schleswig-Holstein ist Vater oder Mutter von minderjährigen Kindern.

Quelle: Roland Weihrauch/dpa

Kiel. „Kinder inhaftierter Eltern sind besonders schutzbedürftig“, sagt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. In seiner Kleinen Anfrage an das Justizministerium beruft er sich auf die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, nach der das Umgangsrecht mit Eltern im Strafvollzug garantiert und im besonderen Maße beachtet werden müsse. „Hier muss die Landesregierung für einheitliche Standards sorgen“, verlangt Kubicki. „Die Belange und Rechte von Kindern inhaftierter Eltern dürfen nicht davon abhängig sein, in welcher Anstalt Vater oder Mutter untergebracht ist.“

 Tatsächlich gibt es bislang große Unterschiede in den Justizvollzugsanstalten. Zwar würden an allen Standorten „bei entsprechenden Kapazitäten und Möglichkeiten“ Besuchszeiten für Kinder verlängert und Spielecken in den Besucherräumen eingerichtet. In Neumünster würden aber zusätzlich sogenannte Vätertrainings angeboten, bei der Besuche von Söhnen und Töchtern von einer Familienpädagogin begleitet werden. Ein Modell, das ab 2016 auch in der Justizvollzugsanstalt Lübeck realisiert wird und in der JVA Kiel angedacht ist. „In Lübeck wird schon heute die Möglichkeit des Langzeitbesuchs angeboten, dabei können geeignete Gefangene zu einem mehrstündigen und nicht überwachten Besuch zugelassen werden“, so Spoorendonk.

 Im Rahmen des Projekts „Familienorientierte Vollzugsgestaltung“ hat das Land überdies Fortbildungen für Mitarbeiter in den Gefängnissen initiiert, um Kindern und Jugendlichen den Besuch durch eine spezielle Ansprache zu erleichtern. Zudem sind in Neumünster und Lübeck die Warte- und Besuchsbereiche kindgerecht gestaltet worden. Für Kiel gibt es bereits vergleichbare Pläne. „In der JVA Lübeck gibt es überdies an beiden Pforten neue Info-Portale in Form von Monitoren, auf denen mit Kurzfilmen, Texten und Bildern über die Justizvollzugsanstalt altersgerecht informiert wird“, sagt Spoorendonk.

 Wie groß der Bedarf für solche Angebote ist, dokumentiert eine aktuelle Statistik des Justizministeriums, nach der fast jeder zweite Gefangene im Land „unterhaltspflichtige Kinder“ hat. In der JVA Kiel sitzen zurzeit 210 Personen in Haft – 100 von ihnen haben Kinder. In der JVA Neumünster sind es 147 von 315 Insassen. Im Männervollzug in Lübeck sind es sogar 180 der 334 Gefangenen, im Frauenvollzug sind 25 der 45 Inhaftierten Mütter. Auch die Anzahl der Kinder hat das Ministerium erfasst: In Kiel sind es 162, in Lübeck 177, in Neumünster sogar 196. Landesweit 15 Gefangene waren vor Antritt ihrer Haft alleinerziehend.

 Bislang ist eine „explizite Einbeziehung“ von Kindern im Strafvollzugsgesetz nicht vorgesehen. Das soll sich nun ändern: „Wir werden im kommenden Landesstrafvollzugsgesetz die Familienorientierung fest verankern“, verspricht Spoorendonk. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Rückfallgefahr durch entsprechende Maßnahmen minimiert und Kinder von Inhaftierten, die häufig durch die Strafe der Eltern traumatisiert werden, bessere Entwicklungschancen haben. Überdies stellt das Land den Gefängnissen noch in diesem Jahr rund 40000 Euro für Aktionen und die Gestaltung spezieller Familienräume zur Verfügung.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Norddeutschland 2/3