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Experten warnen: Fentanyl hat ein großes Suchtpotential

Schleswig-Holstein Experten warnen: Fentanyl hat ein großes Suchtpotential

Die 49-jährige Schleswig-Holsteinerin hat lange überlegt, ob sie über die Drogensucht ihres Sohnes berichten soll. Und darüber, wie er sich mit dem Betäubungsmittel Fentanyl aus gebrauchten Schmerzpflastern gedopt hat.

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Einbruch lohnt nicht: Fentanyl-Pflaster werden in Apotheken nicht vorrätig gehalten, weil der Wirkstoffgehalt auf den einzelnen Patient abgestellt wird.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Sie schämt sich, fühle sich als Versagerin, sagt sie. „Aber mein Sohn quält sich in seinem Entzug so entsetzlich, dass ich andere warnen muss: Hände weg von Fentanyl!“

 Die Großmutter des 24-Jährigen hat die Schmerzpflaster in den letzten Monaten ihres Lebens gegen die sonst unerträglichen Schmerzen bekommen. So konnte sie mit Hilfe eines Pflegedienstes bis zu ihrem Tod zu Hause bleiben. Die Pflaster werden auf die Haut geklebt und geben dann Fentanyl ab – ein Betäubungsmittel, noch stärker als Morphium. Selbst wenn das Pflaster in der Regel nach drei Tagen entfernt wird, enthält es noch bis zu 70 Prozent der Wirkstoffe. „Das wussten wir aber nicht. Deshalb fanden wir nichts dabei, dass die alten Pflaster im Hausmüll landeten“, erzählt die Schwiegertochter und erinnert sich, wie sehr sie sich gefreut hat, als ihr Sohn sich vor einem halben Jahr plötzlich regelmäßig um seine Oma kümmerte.

 Dass ihn nicht die Zuneigung zur Oma treibt – das ahnt die Mutter erst, als sie von der Schwester des Pflegedienstes angerufen wird. „Sie sagte, dass sie meine Schwiegermutter ohne Pflaster vorgefunden hatte. Weil mein Schwiegervater das Pflaster nicht entfernt hatte, blieb nur mein Sohn übrig. Aber ich begriff nicht, warum er das hätte tun sollen.“

 Der Sohn stritt zunächst alles ab. Erst als man auf Anraten des Pflegedienstes regelmäßig den Mülleimer kontrollierte und dort kein altes Pflaster mehr fand, gab der Sohn zu, regelmäßig die alten Pflaster aus dem Müll geholt zu haben. An dem einen Tag sei aber der Drang nach „Fenta“ so unwiderstehlich gewesen, dass er das Pflaster von der Haut der Großmutter abgezogen habe.

 Dr. Jakob Koch vom Zentrum für Integrative Psychiatrie am Uniklinikum Kiel wundert das nicht. „Fentanyl hat ein großes Suchtpotential. Betroffen sind nicht nur Sekundärnutzer wie Drogenabhängige, sondern vor allem Menschen, die etwa nach einem schweren Unfall oder Operationen mit Fentanyl behandelt wurden und daraus einen Missbrauch entwickeln. Um an die Substanz zu kommen, machen sie oft alles, auch wenn es tödlich enden kann.“ Dieses Risiko bestehe bei Fentanylmissbrauch grundsätzlich, weil die Reaktion des Körpers und die Dosis nicht kalkulierbar seien.

 „Der größte Schock war, dass mein Sohn das Fentanyl aus den Pflasterstreifen herausgekaut hat. Das ist so eine entsetzliche Vorstellung. Und er erzählte, dass Bekannte im Müll von Pflegeheimen suchen, aber auch von Menschen, bei denen regelmäßig ein Pflegedienst auftaucht.“ Die 49-Jährige fordert daher mehr Aufklärung und eine sichere Entsorgung der Pflaster.

 Grundsätzlich, sagt der Geschäftsführer der Apothekerkammer, Frank Jaschkowski, dürfen Arzneimittel in den Hausmüll. „Wir raten aber, Schmerzpflaster zu zerschneiden, gesondert zu verpacken und ganz unten in der Mülltonne zu deponieren. Man kann auch den freiwilligen Service einiger Apotheken nutzen und alte Pflaster dort abgeben.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Fentanyl-Pflaster

Schmerzpflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl, die Patienten mit starken Schmerzen helfen sollen, werden zunehmend von Drogensüchtigen missbraucht. Das zeigt ein aktueller Fall aus Schleswig-Holstein, bei dem ein 24-jähriger Heroinabhängiger gebrauchte Pflaster gekaut hat. Ein hochriskanter Missbrauch, der tödlich enden kann, warnen Ärzte.

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