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Hier bleibt der Wolf draußen

Schleswig-Holstein Hier bleibt der Wolf draußen

Der Wolf kehrt nach Schleswig-Holstein zurück. Für Naturschützer ist das ein Erfolg, für Nutztierhalter eine Bedrohung. Heike Griem hält 2500 Schafe – mitten im ersten offiziellen Wolfsgebiet des Landes. Angst vor dem Wolf hat die Schäferin nicht. Sie hat ja Ingeborg, Knut und die anderen Herdenschutzhunde.

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Ingeborg ganz entspannt: Solange Zwei- und Vierbeiner ausreichend Abstand zur Schaf- und Ziegenherde halten, bleibt die Pyrenäenberghündin ruhig liegen. Tagsüber sammeln Herdenschutzhunde Kraft für die Nacht – die Hauptarbeitszeit.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Zuerst sieht man sie gar nicht. Die beiden Pyrenäenberghunde sind so hell und zottelig wie die 700 Schafe mit ihren Lämmern, die sie auf dieser Weide schützen. Doch kaum nähern wir uns dem eingezäunten Areal, stürmt Ingeborg heran und verbellt uns. Ingeborg ist noch jung, verschafft sich aber mit ihrem kraftvollen Auftritt bereits Respekt. Knut, der Rüde, liegt währenddessen gelassen und scheinbar unbeteiligt auf der anderen Seite der Weide. „Die Hunde teilen sich die Arbeit“, sagt Uta Kielau, Hundeausbilderin und Jägerin. Wir gehen noch ein paar Schritte weiter, plötzlich springt Knut auf, stürmt heran und drängt Schafe und Ziegen von uns weg, heraus aus der Gefahrenzone. Danach setzt er sich vor die Herde und visiert uns scheinbar reglos.

 Heike Griem ist Wanderschäferin, zieht mit ihren Herden im Grenzgebiet von Mecklenburg und Schleswig-Holstein umher. Sie züchtet Fleischschafe, und damit die Schafe gut lammen und die Lämmer gedeihen, benötigen sie Ruhe und Sicherheit. Als der erste Wolf in der Grenzregion auftauchte, wandte sich Heike Griem an einen Schäfer in der Lausitz. Dort waren die Wölfe schon vor 15 Jahren eingewandert und griffen irgendwann auch die Herde des Schäfers an. Seither hält er Herdenschutzhunde, züchtet sie und gibt sie an Schäferkollegen weiter. Knut ist so ein Lausitzer.

 Ingeborg hingegen ist in der Herde von Heike Griem geboren und aufgewachsen. So hat sie von Anfang an die Schafe und Ziegen als ihr Rudel akzeptiert, das nicht gejagt oder gar gerissen werden darf. Der ausgeprägte Schutzinstinkt des Hundes ist auf diese Herde ausgerichtet. Ebenso wichtig: Herdenschutzhunde müssen ein Vertrauensverhältnis zu ihren Menschen aufbauen. Sie müssen lernen, zu gehorchen und an der Leine zu gehen. „Herdenschutzhunde brauchen Zuwendung, man muss sich regelmäßig mit ihnen beschäftigen, sonst verwildern sie. Außerdem dürfen sie Menschen gegenüber nicht aggressiv sein. Wenn Spaziergänger an der Weide vorbeigehen, darf der Hund ja niemanden schädigen. Deshalb muss er den Zaun als absolute Grenze akzeptieren“, erklärt Uta Kielau und geht zur Demonstration einmal nah an den Elektrozaun. Sofort reagiert die Hündin, läuft zum Zaun, macht sich groß, bellt drohend. Sie könnte locker über den 90 Zentimeter hohen Zaun springen. Doch sie bleibt auf ihrer Seite. Der Zaun ist die Grenze.

 Und wenn ein Wolf kommt? Wölfe sind vorwiegend nachtaktiv. Deshalb, hat Heike Griem beobachtet, sind auch die Herdenschutzhunde nachts ständig in Bewegung. Ob die Hunde schon Wölfe vertrieben haben? Das ist in einem Gebiet, durch das wohl die meisten der 18 nachgewiesenen Wölfe nach Schleswig-Holstein gelangt sind, wahrscheinlich. Zwei Wölfe haben hier möglicherweise ihr Revier. Sie sollen mehrfach zusammen gesichtet worden sein. Und ein Wolf sorgte für Aufsehen, weil er ohne Scheu durch eine Ortschaft lief und sich beim Angriff auf eine Schafherde erst nach einer halben Stunde vertreiben ließ. „Wir wissen, dass immer wieder etwa auf Truppenübungsplätzen junge Wölfe angefüttert wurden. Das ist kontraproduktiv. Denn die Wölfe verbinden dann den Geruch von Menschen mit Futter, das sie ohne Energieaufwand bekommen. Deshalb sollten Jäger da, wo Wölfe durchwandern können, an Luderplätzen Wildreste nur so auslegen, dass sie für Wölfe nicht zu erreichen sind“, erklärt Kielau.

 Auch wenn es bei Griems Hunden noch niemand gesehen hat: „Herdenschutzhunde können Wölfe vertreiben. Bei einem Wolfsrudel müssen es aber genügend Hunde sein“, sagt die Schäferin. Dann sei den Wölfen der Aufwand zu hoch, sich gegen die körperlich mindestens ebenbürtigen Hunde zu wehren. „Fest steht, dass ich keine Verluste mehr durch wildernde Hunde, Raubtiere und Vögel habe, seit die Hunde meine Herden bewachen.“

 Doch Herdenschutzhunde bedeuten auch einen hohen Zeit- und Geldaufwand. „800 bis 1000 Euro kostet ein Welpe. Wie bei den Elektrozäunen übernimmt das Land Schleswig-Holstein einen Teil der Kosten. „Alles zu erstatten, verbietet eine EU-Richtlinie“, sagt Kielau. Den Unterhalt, also Futter, Tierarzt, Versicherung, müssen die Weidetierhalter allein tragen. Dennoch ist es für Heike Griem eine Möglichkeit, dass Wolf und Weidetiere nebeneinander existieren können. „Man darf den Wolf nicht verniedlichen. Aber er ist auch kein Drama.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

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