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Jeder siebte Junge wird Opfer

Sexuelle Gewalt in Schleswig-Holstein Jeder siebte Junge wird Opfer

Immer häufiger suchen männliche Opfer sexueller Gewalt in Schleswig-Holstein nach professioneller Hilfe. Zweieinhalb Jahre lang hat die landesweite Informations- und Beratungsstelle in Kiel als eine von bundesweit nur sechs Facheinrichtungen traumatisierte Betroffene betreut. Im vergangenen Jahr ließen sich dort 640 Männer beraten. Nun steht das Hilfsprojekt vor dem Aus.

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Weist Kritik zurück: Sozialministerin Kristin Alheit (SPD).

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. 2012 war das landesweite Projekt unter Federführung des Frauennotrufs in Kiel gestartet, finanziert aus Mitteln der Stiftung Deutsches Hilfswerk. „Ausgelöst durch die Diskussion um den Missbrauchsskandal bei der katholischen Kirche hatten verstärkt Männer, die ihr Schweigen brechen wollten, in ihrer Not bei den Frauenberatungsstellen nach Unterstützung gefragt“, sagt Geschäftsführerin Imke Deistler. Seither sei die Nachfrage kontinuierlich gestiegen, die meisten Betroffenen kamen aus Kiel, Neumünster sowie den Kreisen Plön und Rendsburg-Eckernförde.

Jeder siebte Mann werde nach einer Erhebung der Fachberatungsstellen in seiner Kindheit Opfer sexueller Gewalt, erklärt Imke Deistler. „Der Bedarf nach Beratung ist so groß, dass wir zwischenzeitlich überlegt haben, auch Sprechstunden in Lübeck anzubieten“, sagt die Geschäftsführerin.

Ab Sommer 2014 hatte die Landesregierung die Informations- und Beratungsstelle für männliche Betroffene sechs Monate lang finanziert. Seit Jahresbeginn ist damit nun Schluss: Ein Antrag auf 50 000 Euro pro Jahr zur Weiterfinanzierung wurde abgelehnt. „Wir müssen Hilfesuchende wieder wegschicken, so schmerzhaft dies auch für uns ist“, sagt Deistler. Nur durch Spenden hält sich die Beratungsstelle derzeit noch über Wasser. Bei der Opposition im Landtag ist das Unverständnis groß: „Wir hatten in unseren Änderungsanträgen zum Haushalt 2015 gefordert, diese Beratungsstelle weiter zu fördern – vergeblich“, sagt CDU-Sozialexpertin Katja Rathje-Hoffmann. „SPD, Grüne und SSW machen sexuelle Gewalt gegen Männer leider wieder zu einem Tabuthema.“ Auch Anita Klahn (FDP) kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. „Die Fachberatungsstelle hat sich etabliert, angesichts der steigenden Nachfrage sollte die Landesregierung überlegen, ob sie die relativ geringe Summe zum Erhalt doch noch zur Verfügung stellen kann“, sagt die Liberale.

Das Sozialministerium von Ressortchefin Kristin Alheit (SPD) will davon nichts wissen. Ein Sprecher verweist auf alternative Angebote in den Kinderschutzzentren, bei Pro Familia, kirchlichen Trägern oder den Trauma-Ambulanzen.

Das allerdings reicht auch dem Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs des Bundes, Johannes-Wilhelm Röhrig, nicht aus. In einem Protestschreiben an Kristin Alheit bezeichnet er die Entscheidung des Landes Schleswig-Holstein als große Enttäuschung und fordert die Sozialministerin auf, „sich für eine weitere Finanzierung persönlich einzusetzen“.

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Vor drei Jahren wurde in Schleswig-Holstein ein spezielles Beratungsangebot für männliche Opfer sexueller Gewalt mit Stiftungsgeldern initiiert, das Betroffenen – nach teils jahrzehntelangem Schweigen – endlich zielgerichtet geholfen hat und das binnen kürzester Zeit beachtliche Erfolge vorweisen konnte. Nun steht das Projekt wegen einer geradezu lächerlichen Summe von 50000 Euro pro Jahr vor dem Aus.

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