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Langer Kampf um Psychotherapie

Schleswig-Holstein Langer Kampf um Psychotherapie

Sie ist Mitte fünfzig und arbeitet in der IT-Branche. Bei einem Außentermin im Dezember 2014 geht plötzlich nichts mehr. Der Arzt diagnostiziert eine Depression. Der Schleswig-Holsteinerin geht es immer schlechter. Sie braucht schnelle Hilfe. Doch das System baut immer neue Hürden auf. Ein langer Kampf um Therapie beginnt.

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Menschen mit psychischen Problemen beurteilen ihre Situation oftmals als vollkommen ausweglos. Ohne die Hilfe von Spezialisten finden sie keinen Weg zurück zur Handlungsfähigkeit. Doch ausgerechnet in dieser Krisensituation ist der Weg zu fachkundiger Hilfestellung voller Hürden.

Quelle: Fotolia

Kiel. Die Frau aus dem Kieler Umland erinnert sich genau an jenem Dezembermorgen. „Ich spürte einen Würgereiz, es zog sich alles zusammen, nahm mir die Luft. Ich fühlte mich elendig und schwach, irgendwie ohne Zukunft. Ich, die doch immer alles im Griff hatte, hatte plötzlich die Kontrolle verloren.“

 In den folgenden Tagen bricht sie immer wieder in Tränen aus – ein Phänomen, das sie auch heute noch, Monate später, immer mal wieder einholt. Die Hausärztin schreibt sie für vier Wochen krank. „Ich wollte unbedingt schnell wieder arbeiten, dachte, ich muss mich einfach nur mal richtig ausruhen. Aber am Tag vor meiner Rückkehr in die Firma bekam ich wieder eine Weinattacke, und mir war klar, dass ich ohne therapeutische Hilfe da nicht wieder herausfinde.“ Die Hausärztin bestätigt das und bescheinigt ihr die Dringlichkeit einer Therapie.

 Die Patientin wendet sich an ihre Krankenkasse, die Techniker. Dort verweist man auf eine Liste mit den Psychotherapeuten im Raum Kiel, die eine Kassenzulassung haben. Diese Liste müsse sie bitte abtelefonieren. Die Liste bekommt sie bei der Kassenärztlichen Vereinigung. „39 Namen standen dort. Die habe ich alle abtelefoniert und Buch darüber geführt. Das ist eine ungeheure Kraftanstrengung, wenn man sich eigentlich zu gar nichts mehr in der Lage fühlt“, sagt sie. Sechs Therapeuten, stellt sie fest, sind gar nicht mehr tätig. Einer ist nicht mehr unter der Nummer erreichbar. Bei den anderen läuft meist ein Anrufbeantworter. Von dem hört sie oft: „Leider ist kein Platz mehr frei.“ Oder: „Bitte suchen Sie sich einen anderen Therapeuten, wenn Sie innerhalb von drei Wochen keine Rückmeldung erhalten.“ Vier Therapeuten melden sich in den folgenden Wochen bei ihr. „Alle sagten, sie könnten mir etwa in einem halben Jahr eine Therapie anbieten. Aber so lange konnte ich nicht warten. Ich fühlte mich immer hilfloser und ohne Hoffnung.“ Die Frau sucht dennoch weiter und findet einen Therapeuten. Doch der hat keinen Vertrag mit den gesetzlichen Kassen. „Ich habe bei der TK nachgefragt, ob ich in meiner Not nicht zu diesem Therapeuten gehen könne“, sagt sie. „Man erklärte mir, dass dazu ein Systemversagen nachgewiesen werden muss.“ Dazu muss sie belegen, dass kein Vertragstherapeut zur Verfügung steht – und eine Dringlichkeitsbescheinigung von einem Neurologen vorlegen.

 Wieder hängt sich die kranke Frau ans Telefon, kontaktiert die neurologischen Praxen im weiten Umkreis. Sie hörte entweder: „Wir nehmen keine neuen Patienten auf.“ Oder: „Wir kennen Sie gar nicht, um eine Dringlichkeit bescheinigen zu können.“ Oder man verweist auf lange Wartezeiten. Der früheste Termin, den sie bekommt, ist der 6. Juli – rund vier Monate später. „Ich war inzwischen wirklich verzweifelt und bin wieder zur Krankenkasse, habe meine Telefondokumentation gezeigt und einen Antrag gestellt, die Kosten für den privat abrechnenden Psychotherapeuten zu übernehmen.“ Und sie beginnt dort die Therapie, weil es anders nicht mehr geht.

 Am 24. März teilt ihr die Kasse mit, dass der Antrag auf Kostenübernahme abgelehnt wird. Man bietet ihr zwei andere Therapeuten an. „Die habe ich angerufen. Ergebnis: Der eine meinte, auf einen freien Platz hätten sich schon zehn Patienten gemeldet. Und die andere verstand gar nicht, warum die Kasse mich an sie verwiesen hatte.“ Die Schleswig-Holsteinerin legt Widerspruch gegen den Kassenbescheid ein und informiert diese Zeitung.

 Die Techniker Krankenkasse entscheidet daraufhin, dass sie der Frau bei ihrem jetzigen Therapeuten fünf Klärungssitzungen und 25 Therapiestunden bezahlt. Das stimmt die Frau zuversichtlich: Das finanzielle Risiko ist weg, die Wirksamkeit der Therapie wird zunehmend spürbar. Zufrieden ist die Patientin trotzdem nicht. „Ich weiß inzwischen, dass ich kein Einzelfall bin. Aber viele psychisch Erkrankte haben nicht die Kraft, ihr Recht durchzukämpfen, und resignieren. Dieses System ist eine Zumutung. Man fühlt sich wirklich alleingelassen. Es muss doch zu organisieren sein, dass man zügig Hilfe bekommt.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH