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Nur die Städte ziehen noch an

Schleswig-Holstein Nur die Städte ziehen noch an

Diee Städte wachsen, die Dörfer schrumpfen, die Menschen werden immer älter – nicht nur in Schleswig-Holstein: Die Bevölkerungszahlen in Deutschland entwickeln sich einer Studie zufolge in den kommenden 15 Jahren extrem auseinander.

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Zumindest Kiel profitiert: Die Einwohnerzahl der Landeshauptstadt legt der Prognose zufolge um fünf Prozent zu – und bleibt relativ jung.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Während ländliche Regionen teils dramatisch Einwohner verlieren, werden die städtischen Ballungsräume immer größer. Folge: Auf dem Land wird es schwieriger, eine funktionierende Infrastruktur etwa bei Nahverkehr oder ärztlicher Versorgung sicherzustellen. Darauf weist die Bertelsmann-Stiftung in einer gestern veröffentlichten Studie zur Bevölkerungsentwicklung hin.

 Die Bundesrepublik schrumpft bis 2030 um eine halbe Million Einwohner. Das bedeutet ein Minus von 0,7 Prozent im Vergleich zum Jahr 2012. Während Sachsen-Anhalt (minus 13,6 Prozent) stark verliert, muss sich Hamburg mit plus 7,5 Prozent auf große Zuwächse einstellen. Schleswig-Holstein liegt mit einem Plus von 0,4 im Mittelfeld.

 Die Studie warnt vor dramatischen Folgen für den ländlichen Raum. „Es wird für schrumpfende Regionen immer schwieriger, eine gute Infrastruktur zu gewährleisten“, sagte Brigitte Mohn vom Stiftungsvorstand. Denn auch einwohnerschwache Regionen müssten flexible Mobilitätsangebote, schnelles Internet und eine angemessene medizinische Versorgung bieten.

Bordesholm baut aus

 Ihre Infrastruktur baut die Gemeinde Bordesholm kontinuierlich aus. Die Kommune, für die ebenso wie für Osterrönfeld ein Einwohnerrückgang von rund zehn Prozent prognostiziert wird, verlegt im ganzen Ort schnelles Internet und will Baugebiete für junge Familien anbieten. „Ich glaube nicht, dass die Werte für unsere Gemeinde zutreffen, wir sind zukunftsfähig aufgestellt, nicht nur mit unseren guten Zug- und Straßenanbindungen“, erklärt Amtsdirektor Heinrich Lembrecht.

 Zudem wird Deutschland immer älter. 2030 sind mehr als die Hälfte der Deutschen älter als 48,1 Jahre – 2012 lag dieses sogenannte Medianalter noch bei 45,3 Jahren. Auch bei diesem Wert zeigt die Studie große Schwankungen je nach Region. Schleswig-Holstein liegt mit 49,7 Jahren auch hier im Mittelfeld.

 Die jüngsten Städte werden München, Unterföhring und Münster sein. Kiel hat in Schleswig-Holstein die Nase vorn. Eine besonders alte Bevölkerung wird unter anderem in Grömitz erwartet. Die Zahl der über 80-Jährigen steigt bis 2030 bundesweit um fast 50 Prozent auf mehr als 6,3 Millionen. Selbst Städte mit einer jungen und wachsenden Bevölkerung müssen sich auf ein starkes Plus in dieser Altersgruppe einstellen. Einen starken Anstieg bei diesen Hochbetagten gibt es auch in Schleswig-Holstein (+68,8 Prozent). Es drohen Versorgungslücken für ältere Menschen.

 So wird die Gemeinde Kropp in 15 Jahren fast 200 Prozent mehr Einwohner über 80 Jahren haben. Doch Bürgermeister Stefan Ploog sieht das gelassen: „Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten.“ Bereits jetzt wohnen viele alte Menschen in der Gemeinde, allein im Diakonischen Werk leben rund 500 Senioren. „Wir haben Ärzte, Apotheken und einen Ortsbus, sind also mit unserer Infrastruktur entsprechend ausgerichtet“, sagt der Bürgermeister.

 Grundlage für die Bevölkerungsprognose ist die Internet-Plattform „Wegweiser Kommune“. Das Angebot stellt für deutsche Gemeinden und Städte ab 5000 Einwohnern (2941 Kommunen und 323 Landkreise) eine Fülle von Daten zu den Bereichen Demografischer Wandel, Finanzen, Soziales und Integration zur Verfügung. Als Datenquellen nutzt die Bertelsmann-Stiftung unter anderen Angaben des Statistischen Bundesamts, der statistischen Landesämter, der Bundesagentur für Arbeit und dem Ausländerzentralregister. An den Berechnungen sind mehrere Universitäten beteiligt.

Die Zuwanderung nach Deutschland verstärkt das Auseinanderdriften der Bevölkerungszahlen in den Städten und auf dem Land. Das ist das Fazit des Experten Carsten Große Starmann nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung zur Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2030. Klar ist: Die schrumpfenden Gemeinden müssen reagieren. Der Experte aus Gütersloh warnt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur allerdings auch vor den Folgen für die immer größer werdenden Städte.

Experte: Schrumpfung und Alterung ins Auge schauen

Carsten Große Starmann ist Experte der Bertelsmann-Stiftung und leitet das Projekt „LebensWerte Kommune“. Im Interview mit KN-online erläutert er, wie sich Kommunen den Herausforderungen einer alternden Bevölkerung erfolgreich stellen können.

Frage: Was hat Sie bei der Studie am meisten überrascht?

Antwort: Nichts! Wir sehen, dass die Entwicklung, die wir in den Vorjahren prognostiziert haben, eintrifft. Durch die Zuwanderung in Deutschland von außen verstärkt sich das Auseinandertriften zwischen Stadt und Land noch weiter. Deutschland profitiert von der Zuwanderung. Wir sehen aber deutlich, dass die Zuwanderer sich eher in städtischen Räume niederlassen.

Was hilft ländlichen Kommunen aus der Abwärtsspirale?

Antwort: Wichtig ist, Schrumpfung und Alterung ins Auge zu schauen. Wichtig ist, sich auf drei Felder zu konzentrieren. Erstens: Ein leistungsfähiges Internet, damit in den ländlichen Räumen Dinge wie Telemedizin, Onlinekonsum, Bringdienste, Verwaltungsleistung, aber auch die Teilhabe an gesellschaftlichen Diskurs möglich ist. Zweitens Mobilität: Die Gemeinden müssen jenseits vom teuren öffentlichen Personen-Nahverkehr die Mobilität ihrer Einwohner sicherstellen. Drittens Gesundheitsversorgung: Hier brauchen wir für die Hochbetagten andere Angebote als in der Vergangenheit.

Ist ein zu großer Zuwachs für die Städte auch ein Problem?

Antwort: Ich würde es Herausforderung nennen. Der Wohnungsmarkt ist enger und damit teuerer. Die Städte aber müssen bezahlbares Wohnen ermöglichen. Und möglichst so, dass sie eine große Durchmischung der Bevölkerungsschichten haben. Auf die wachsenden Städte kommt eine immer größer werdende Integrationsaufgabe zu. Zuwanderer von außerhalb Deutschlands lassen sich aufgrund der Angebote bei Ausbildung, Bildung und Arbeit natürlich stärker in den Städten nieder. Wachsende und vergleichbar junge Städte dürfen nicht vergessen, dass dort auch die Alterung zu Buche schlagen wird. In der Summe bleiben die Städte zwar jung, aber auch dort werden die über 80-Jährigen deutlich mehr werden.

Von Gunda Meyer und Carsten Linnhoff

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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