23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Droge aus Omas Schmerzpflaster

Tödlicher Trend in Schleswig-Holstein Droge aus Omas Schmerzpflaster

Schmerzpflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl, die Patienten mit starken Schmerzen helfen sollen, werden zunehmend von Drogensüchtigen missbraucht. Das zeigt ein aktueller Fall aus Schleswig-Holstein, bei dem ein 24-jähriger Heroinabhängiger gebrauchte Pflaster gekaut hat. Ein hochriskanter Missbrauch, der tödlich enden kann, warnen Ärzte.

Voriger Artikel
„Die Krise zeigt sich jetzt überall“
Nächster Artikel
Willkommen zurück, Sommer!

Fentanyl-Pflaster

Quelle: Frank Peter

Kiel. Fentanyl ist eine synthetisch hergestellte Droge auf Morphinbasis und daher verschreibungspflichtig. Immer öfter versuchen Drogenabhängige, sich solche Pflaster bei Ärzten zu erschleichen, oder sie entwenden gebrauchte Pflaster aus den Abfällen von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Um an das Fentanyl zu gelangen, wird aus den Pflastern eine Injektionslösung hergestellt, oder die Pflaster werden zerkleinert und gekaut. „Das ist ein unkalkulierbares Risiko, ein völliger Blindflug. Fentanyl ist hochpotent, es flutet relativ schnell an und kann im schlimmsten Fall zu tödlichem Atemstillstand führen“, warnt Dr. Jakob Koch, Oberarzt im Zentrum für integrative Psychiatrie an der Uniklinik Kiel. 2014 sind 68 Menschen in Bayern an einer Überdosis Fentanyl gestorben. Kürzlich haben vier Jugendliche in Schweden den Konsum nicht überlebt.

„Das Problem ist in Schleswig-Holstein nicht so groß wie in den Baltischen Staaten oder Bayern, aber es gibt dieses Problem“, sagt Hans-Georg Hoffmann, ärztlicher Leiter der Fachambulanz Kiel, in der jährlich 500 Drogenabhängige betreut werden. Die Fachambulanz ist eine der wenigen Einrichtungen, die Urinproben von Patienten auch auf Fentanyl untersuchen. Seit das Opioid zunehmend gefunden wurde, klärt Hoffmann seine Patienten gezielt über Risiken von Fentanyl auf – mit einigem Erfolg.

An der Westküste wollte erst vor wenigen Tagen ein Mann in einer Arztpraxis Schmerzpflaster verschrieben haben. Begründung: Er sei in Urlaub, habe starke Schmerzen, aber kein Pflaster mehr. Für Hoffmann ein typischer Versuch, sich ohne medizinische Indikation Fentanyl zu beschaffen. In Bayern wurde nachgewiesen, dass bis zu 18 Arztpraxen nachein- ander aufgesucht werden, um an möglichst viele Schmerzpflaster zu gelangen. In Schleswig-Holstein hat die Ärztekammer die Praxen ausdrücklich vor solchem Ärztehopping gewarnt. Offenbar existiert für Fentanyl auch ein Schwarzmarkt: Hoffmann weiß von einem Krebspatienten, der sich Schmerzpflaster verschreiben ließ, die er gar nicht benötigte, sondern zerschnitten an Drogenabhängige verkauft hat.

Dem Landeskriminalamt sind zwei Fälle in Heide und Neumünster bekannt, bei der Drogenberatung Odyssee eine ganze Reihe von Fällen im Land, bei denen Fentanyl als Heroin-Ersatz genutzt wurde. „Das ist kein Massenphänomen, aber auch nicht selten. Es gibt ein Dunkelfeld“, sagt Odyssee-Geschäftsführer Andreas Dehnke. Wo der Stoff verfügbar sei, werde er auch genutzt. Das bestätigt die Mutter eines Drogenabhängigen, der die gebrauchten Schmerzpflaster seiner Oma gekaut hat. Die Mutter will nun andere warnen und fordert eine sichere Entsorgung der Schmerzpflaster. „Es ist ein Unding, dass man die in den Hausmüll werfen darf.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

KN-KSV-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele von Holstein Kiel im KN-KSV-Liveticker.

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Schleswig-Holstein
Foto: Einbruch lohnt nicht: Fentanyl-Pflaster werden in Apotheken nicht vorrätig gehalten, weil der Wirkstoffgehalt auf den einzelnen Patient abgestellt wird.

Die 49-jährige Schleswig-Holsteinerin hat lange überlegt, ob sie über die Drogensucht ihres Sohnes berichten soll. Und darüber, wie er sich mit dem Betäubungsmittel Fentanyl aus gebrauchten Schmerzpflastern gedopt hat.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Norddeutschland 2/3