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Als Minderjähriger allein in der Fremde

Flüchtlinge Als Minderjähriger allein in der Fremde

In Schleswig-Holstein werden dringend Bürger gesucht, die sich als Paten oder Vormund um minderjährige Flüchtlinge kümmern, die allein ins Land gekommen sind.

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Klaus Bischoff, Vorsitzender Lifeline Vormundschaften für minderjährige Asylanten.

Quelle: Sonja Paar

Neumünster/Preetz. Bisher landen die meisten dieser Jugendlichen in Neumünster. Dort werden sie in Obhut genommen, Mitarbeiter des Jugendamtes übernehmen für sie die Vormundschaft – und sind damit vollständig überfordert.

 Ein Mitarbeiter soll laut Gesetz für maximal 50 Mündel zuständig sein. So soll gewährleistet sein, dass beide wenigstens einmal im Monat Kontakt haben. Das Team im Jugendamt könnte sich um maximal 178 Jugendliche kümmern – de facto sind es aber 280 Minderjährige. Die Mitarbeiter haben deshalb Überlastungsanzeigen geschrieben und so offiziell – wie bereits 2011 – darauf hingewiesen, dass sie selbst einen einzigen Kontakt im Monat nicht mehr leisten können. „Zwar haben wir beim Amt für Soziale Dienste drei zusätzliche Stellen bekommen, aber die Kollegen müssen sich hauptsächlich um die Unterbringung der Jugendlichen kümmern“, berichtet Amtsleiter Jörg Hellberg. Die Situation müsse deshalb dringend verbessert werden. Zwar soll ein neues Bundesgesetz Entlastung bringen. „Doch das Gesetz kommt wohl erst 2016 und muss dann noch vom Land umgesetzt werden“, sagt Hellberg. Um bis dahin eine Lösung zu finden, soll es morgen ein Gespräch mit Sozialstaatssekretärin Anette Langner (SPD) geben.

 „Doch selbst bei 50 Jugendlichen ist eine Betreuung, wie sie eigentlich notwendig wäre, überhaupt nicht machbar. Da wird nur dem Papier Genüge getan, nicht aber den jungen Menschen“, kritisiert Klaus Bischoff aus Preetz. Viele der Betroffenen würden bisher nur Armut und Angst kennen, hätten Schulen oft nur kurz oder unregelmäßig besuchen können. Viele hätten Krieg hautnah erleben müssen, einige sogar als Kindersoldaten.

 Klaus Bischoff ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Lifeline, der seit elf Jahren Vormünder für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge sucht und begleitet. Der 75-Jährige hat auch selbst mehrere Vormundschaften übernommen. Zunächst hatte sich der mehrfache Vater und inzwischen Großvater für Kinder aus Tschernobyl engagiert. Als er dann von Jugendlichen las, die entweder auf der Flucht ihre Eltern verloren hatten oder aber von ihrer Familie aus finanziellen Gründen allein nach Europa geschickt worden waren, wollte er helfen. Noch heute hat er einen guten Kontakt zu seinen inzwischen erwachsenen Ziehkindern. Gerade kümmert er sich um einen jungen Flüchtling, der in Eutin lebt. „Vormund ist zwar eine Mitarbeiterin des Kieler Jugendamtes, aber wie soll die sich von Kiel aus in Eutin um den Jungen kümmern?“, fragt Bischoff.

 Das Problem sei für die 16- und 17-jährigen Flüchtlinge, die ganz allein hierherkämen, dass sie im Aufenthaltsrecht wie Erwachsene behandelt würden. „Das bedeutet, dass ein 16-Jähriger, der sich in unserer Sprache, Kultur und Rechtssystem überhaupt nicht auskennt, sein Asylverfahren allein führen soll. Das ist unmöglich. Wir beraten sie, damit sie sich nicht schon im offiziellen Interview durch das Bundesamt für Migration um Kopf und Kragen reden. Aber auch danach brauchen diese Jugendlichen jemanden, der sich um sie kümmert“, so Bischoff.

 Weil er weiß, dass gerade die rechtliche Begleitung viele Bürger von einer Vormundschaft abhält, sorgt der Verein Lifeline für einen Rechtsanwalt und übernimmt auch die Kosten. Ein Vormund muss sich also nicht im Recht auskennen. Wichtiger sei es, dass man Erfahrung am besten mit eigenen Kindern hat, dass man sich um Schule, um Kontakte zu anderen Jugendlichen etwa im Sportverein kümmert, für Sorgen da ist und natürlich auch Grenzen zieht. Dafür gibt es auch Fortbildungen und Beratung durch den Verein.

 „Voraussetzung ist die Nähe der Wohnorte und vor allem gegenseitige Sympathie. Wir vermitteln Menschen nicht nach Aktenlage. Und wir sind auch für jede Begleitung dankbar. Wenn aus solch einer Patenschaft dann eine Vormundschaft wird, umso besser“, sagt Bischoff. Die Vormundschaft ist übrigens zeitlich überschaubar, denn es geht maximal um die Zeit von 16 Jahren bis zur Volljährigkeit. Für die Jüngeren ist die Vormundschaft anders geregelt.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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