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NDR versenkt Mittelwelle

Segler verärgert NDR versenkt Mittelwelle

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) schaltet am kommenden Dienstag seine Radioprogramme auf den Frequenzen der Mittelwelle ab. Sendemasten in Hamburg, Hannover, Flensburg und Lingen gehen vom Netz. Nicht nur Segler, die bisher auf hoher See Nachrichten und den Seewetterdienst empfangen haben, sind sauer.

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„Das ist wohl der Lauf der Zeit.“ Thomas Kannegiesser, Skipper auf dem Traditionssegler „Gefion“, bedauert das Ende der NDR-Mittelwelle.

Quelle: Frank Peter

Kiel/Hamburg. „Neues Tief bei 31 Nord, 48 West, vertiefend, Nord-Oost ziehend“ – Meldungen wie diese, die der NDR im Rahmen des Seewetterdienstes bisher über die Mittelwellenfrequenzen bis weit nach Nordeuropa ausgestrahlt hat, sind künftig nur noch in der Nähe der Küsten oder digital über Internet und Satellit zu empfangen. Ebenso Bundestagsdebatten oder Fußballübertragungen, die von Urlauben in Skandinavien bisher mit einem einfachen Transistorradio verfolgt werden konnten. Nur die Übertragungstechnologie, nicht das Programm werde eingeschränkt, betont der NDR und verweist auf alternative, meist digitale Empfangsmöglichkeiten wie DAB+, das Internet, die NDR Radio App und Satellit.

 „Mit der Abschaltung der Mittelwelle verabschiedet sich der NDR von einer vergleichsweise teuren und ökologisch nicht mehr zeitgemäßen Technologie. Unter allen Radiovertriebswegen verursacht die Mittelwelle die höchsten Stromkosten und bietet dafür eine Tonqualität, die für die Mehrzahl der Hörer nicht mehr akzeptabel ist“, begründet der Norddeutsche Rundfunk das Aus für die Mittelwelle. In der Tat brauchen Mittelwellensender im Vergleich mit Ultrakurzwelle (UKW) ein Vielfaches an Energie bei einer hörbar schlechteren Tonqualität. Dafür senden sie aber mehrere Hundert Kilometer weit.

 Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), die auf die Ausgaben der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schaut, hatte die Sender dazu gedrängt, ihre Mittelwellenprogramme aus Kostengründen vom Netz zu nehmen. Der NDR gehört nun bundesweit zu den letzten Anstalten, die dieser Forderung nachkommen.

 Der Kronshagener Rundfunk-Experte Frank Schlünsen hat gemeinsam mit weiteren Mitstreitern lange versucht, das Abschalten der Mittelwelle zu verhindern. In einem Schreiben an den Petitionsausschuss des Landtages begründet er seine Bedenken. Mit der vergleichsweise robusten und einfachen Technologie der Lang- und Mittelwelle sei im Krisenfall eine gute Informationsweitergabe an die Bevölkerung möglich. „Die Endgeräte sind in jedem Haushalt zugänglich und vorhanden“, so Schlünsen. „Gerade jetzt, wo die Welt wieder unruhig wird, sollte die Regierung auf eine einfache, krisenfeste und jedermann zugängliche Informationsquelle setzen.“ Diese könne nicht durch rein digitale Übertragungswege ersetzt werden. „Ein falsches Bit legt ganze Systeme lahm“, gibt Schlünsen zu bedenken.

 Auch Jürgen Feyerabend, Abteilungsleiter für Fahrtensegeln, Freizeit- und Breitensport beim Deutschen Seglerverband kritisiert das Aus für die Mittelwelle. Schon seit Jahren haben die Segler versucht, bei den ARD-Rundfunkanstalten zu intervenieren. „Viele Segler haben ihre Technik noch nicht auf die modernen Systeme umgestellt. Gerade auf kleineren Booten. Unsere Kritik ist aber leider nicht durchgedrungen“, sagt Feyerabend. Vor allem, dass ausgerechnet der NDR seine Mittelwelle aufgebe, sei eine falsche Entscheidung. „Wir leben hier schließlich mit dem Rücken zur Küste.“ Die KEF habe offenbar nicht erkannt, dass die Anforderungen an Nord- und Ostsee andere sind, als im Binnenland.

 Derzeit prüfe der Deutsche Wetterdienst, den Sender Pinneberg zu ertüchtigen, sodass weiterhin die gesprochenen Wetterberichte über Mittelwelle auf die Meere hinaus getragen werden können. Ob dieses Projekt realisiert werden kann, sei jedoch noch unklar. „Die Segler müssen sich früher oder später umstellen. In absehbarer Zeit ist definitiv Schluss mit der Mittelwelle“, sagt Feyerabend. Nach fast 100 Jahren: Im Oktober 1923 wurde in Berlin der erste Mittelwellensender der Deutschen Reichspost in Betrieb genommen.

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH