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„Ich habe einen stolzen Preis gezahlt“

Serie Ehemaligentreffen: Björn Engholm „Ich habe einen stolzen Preis gezahlt“

In der Diele der Lübecker Altbau-Villa spielt klassische Musik. Im hellen Wohnzimmer, umgeben von abstrakter Kunst, sitzt Björn Engholm. Er spricht über das Leben und die Politik jenseits des Tagesgeschäftes. Ab und zu zieht er nachdenklich an seinem Zigarillo, neigt den Kopf leicht zur Seite, scheint ganz auf seine Besucher konzentriert. Der frühere Ministerpräsident, SPD-Parteichef und designierte Kanzlerkandidat gibt sich genau so, wie man ihn in Erinnerung hat.

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„Es gab einen enormen Erwartungsdruck, und wir konnten ihn erfüllen“: Ex-Ministerpräsident Björn Engholm über seine Regierungszeit, die 1988 mit einem fulminanten Sieg bei der Landtagswahl begann und 1993 mit seinem Rücktritt endete.

Quelle: Ulf Dahl

Lübeck. Von seinen Anhängern ist er zur Lichtgestalt stilisiert worden und dann im Zuge der Schubladenaffäre tief gefallen. „Ich habe einen stolzen Preis gezahlt, den hätte ich nicht zahlen müssen“, sagt er zu seinem Rücktritt im Jahr 1993. Seine Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss wird unterschiedlich bewertet. Wohl unstrittig ist aber, dass er einen Reformschub wie kein anderer Regierungschef ausgelöst und tiefe Spuren im Land hinterlassen hat.

 Als Engholm 1983 Oppositionsführer in Kiel wird, ist er bereits ein gestandener Politiker. Er hat als Bildungsminister der sozialliberalen Regierung von Helmut Schmidt angehört. Es ist eine Zeit, in der die Welt noch von Blöcken beherrscht wird und Globalisierung noch ein Fremdwort ist. Engholm predigt schon damals, auch im kleinen Schleswig-Holstein über den Tellerrand zu gucken. Hier sitzt seit über 30 Jahren die CDU fest im Sattel, Uwe Barschel ist Ministerpräsident. Alle Hoffnungen der Genossen sind auf den Hanseaten gerichtet. Dies sei ein anderes Land gewesen, erzählt der heute 75-Jährige. „Es wirkte wie eingeebnet – und mit ihm Sehnsüchte, Hoffnungen und Visionen.“ Eng sei der Horizont der Regierenden gewesen, er habe gerade von der Flensburger Förde bis zur Elbe im Lauenburgischen gereicht.

 Der Stillstand, den Engholm beschreibt, ist zugleich seine Chance. „Wir hatten die Gunst der Stunde. Es gab einen enormen Erwartungsdruck, und wir konnten ihn erfüllen“, sagt er über seine Regierungszeit. Als Oppositionsführer fängt er damit an. Ganze gesellschaftliche Gruppen fühlen sich in den 80er-Jahren von der Politik vernachlässigt: Künstler, Wissenschaftler, Gewerkschaften, auch mittelständische Unternehmer. Engholm gibt an die SPD-Abgeordneten die Parole aus: „Hockt nicht nur im Landtag rum, geht nach draußen.“ Für die CDU wird er zum Angstgegner. Der Sozialdemokrat hat einen hohen moralischen Anspruch, bringt Glanz in seine Partei, verweigert sich dem üblichen Freund-Feind-Denken.

 Damit hat Engholm Erfolg. Natürlich folgt er auch einer Einladung des Bauernverbandes. Sollte er etwa nicht dort hingehen, nur weil dies die Klientel der „anderen“ ist? Die Landwirte buhen ihn nicht aus, sondern hören ihm aufmerksam zu. Mit ein wenig Stolz in der Stimme erzählt der Ex-Ministerpräsident, dass ihm anschließend ein älterer Bauer auf die Schulter getippt und gesagt habe: „Dat weer mol nich slecht, mien Jung.“ Diese Anekdote steht für den Beginn der Klimaveränderung im Norden.

 Bei der Wahl 1987 kommt die SPD dem Sieg schon näher, im Landtag gibt es ein Patt. Vorausgegangen sind die Ereignisse, über die so viel geschrieben worden ist: die Barschel/Pfeiffer-Affäre, die Steueranzeige gegen Engholm, dessen Bespitzelung. Er behauptet damals, erst am Wochenende der Wahl von den Umtrieben in der Staatskanzlei erfahren zu haben – was sich als Unwahrheit herausstellen wird. Heute sagt er: „Natürlich hatten wir Hinweise, weil es eine jahrelange Kette von Anfeindungen und Unterstellungen gab, die sehr eindeutig aus dem Regierungslager kamen. Aber wer hätte uns geglaubt? Wir hatten doch kein Papier in der Hand.“ An diesem Punkt des Gesprächs zeigt Engholm leichte Ungeduld. Er will sich nicht auf die Zeit der Affären reduzieren lassen, möchte lieber über seine Regierungsjahre reden.

 1988 herrscht Aufbruchstimmung. Die SPD erobert alle Wahlkreise direkt und kann mit absoluter Mehrheit regieren. In seiner Denkfabrik setzt der neue Ministerpräsident Wirtschaftsbosse, Gewerkschafter, Vertreter von Wissenschaft und Kultur an einen Tisch. Jetzt geht es um Zukunftsentwürfe, um Europa, neue Technologien und die Einbindung Schleswig-Holsteins in den Ostseeraum. Die Kooperation mit den Anrainerstaaten nach dem Vorbild der Hanse nimmt Gestalt an: erst mit den skandinavischen Ländern, dann mit dem Baltikum. Das Netz wird immer engmaschiger. 70 bis 80 Organisationen und Institutionen seien heute daran beteiligt, sagt er.

 In der Ära Engholm erhält Schleswig-Holstein erstmals eine Landesverfassung, damit soll auch eine neue Kultur des Miteinanders geprägt werden. Das Parlament stärkt die Rechte der Opposition, führt Volksbegehren und Volksentscheid ein, schützt die Minderheiten. Der Gottesbezug sei damals kein Thema gewesen, erinnert sich der Ex-Regierungschef. Dafür engagiert er sich heute in der Volksinitiative für die Änderung der Landesverfassung. Sie ist eines von an die 15 ehrenamtlichen Projekten in Wissenschaft, Kultur und Sozialem, die Engholm verfolgt. Im Einzelnen aufzählen möchte er sie nicht, lieber in der verbleibenden Zeit mit dem Besuch über das Leben und die Politik jenseits des Tagesgeschäftes reden: dass in Schule, Studium und Beruf ein „Druck der Verwertbarkeit“ herrscht, dass Fächer an „bloßer Nützlichkeit“ ausgerichtet werden und „Ästhetik und Ethos“ dabei zu kurz kommen.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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