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Atheist muss für seine Frau Kirchgeld finanzieren

Steuer Atheist muss für seine Frau Kirchgeld finanzieren

Die Schleswig-Holsteinerin zahlt ihr ganzes Berufsleben lang Kirchensteuer – aus Überzeugung. Deshalb dachte die Frau an einen Fehler, als das Finanzamt eine Nachzahlung von 1200 Euro Kirchensteuer verlangte: Sie hatte längst gezahlt, ihr Ehemann ist seit Jugendtagen nicht mehr in der Kirche. Doch es war kein Fehler: Auch wer nicht in der Kirche ist, kann kirchensteuerpflichtig sein.

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Der Blick auf den Steuerbescheid kann die eine oder andere Überraschung bereithalten – zum Beispiel, wenn zusätzlich zur gezahlten Kirchensteuer noch ein Kirchgeld abgezogen wird.

Quelle: Hendrik Schmidt

Kiel. In diesem Fall wird eine Sonderform der Kirchensteuer fällig – das besondere Kirchgeld. Es wird von den evangelischen Landeskirchen, römisch-katholischen Diözesen und der altkatholischen Kirche erhoben. „Wir dachten immer, Kirchgeld bedeutet, dass man freiwillig seine Kirchengemeinde unterstützt. Aber dass es ein besonderes Kirchgeld gibt, ahnten wir nicht. Und schon gar nicht, dass es Leute zahlen müssen, die gar nicht in die Kirche sind“, sagt die Frau in den Fünfzigern. Dass sei aber nichts Neues, betont Frank Zabel, Pressesprecher der Nordkirche. „Das besondere Kirchgeld gibt es in Schleswig-Holstein seit 1979. Zudem wird es formal von dem Kirchenmitglied und nicht von dem Partner verlangt.“

 Im konkreten Fall hat die Frau hat einen durchschnittlichen Verdienst, davon führt ihr Arbeitgeber automatisch jeden Monat Kirchensteuer ab. Ihr Ehemann, ein überzeugter Atheist, verdient seit 2012 nach einem Arbeitswechsel deutlich mehr als sie. Weil sie eine gemeinsame Einkommenssteuererklärung abgeben, zieht das Finanzamt beide Einkommen zusammen. Für ein Drittel wird dann das Kirchgeld fällig. Die bereits gezahlte Kirchensteuer wird dabei angerechnet.

 Dieses Verfahren greift für Katholiken und Protestanten immer dann, wenn der Ehepartner Allein- oder Besserverdiener ist und selbst keine Kirchensteuer zahlt. Betroffen können also Atheisten sein, aber auch Muslime, Orthodoxe, Mitglieder evangelisch-freikirchlicher Gemeinden oder von Glaubensgemeinschaften, die keine Kirchensteuern erheben.

 „Nach Kirchenrecht muss sich jedes Mitglied nach seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit beteiligen. Und die ist bei einer gemeinsamen steuerlichen Veranlagung größer, wenn der Ehepartner mehr oder allein verdient“, erklärt Zabel. Liegt dann das zu versteuernde Einkommen über 30000 Euro, wird das Kirchgeld fällig. Bei gut 60000 Euro sind es 276 Euro. Ab 300000 Euro Jahreseinkommen wird der Höchstsatz fällig: 3600 Euro.

 Das betroffene Ehepaar hält das Kirchgeld dennoch für ungerecht. „De facto greift die Kirche Geld ab, das der Partner verdient hat und das er zwangsweise einer Institution überlassen muss, mit der er sich nicht identifiziert. Ich werde für eine Entscheidung meiner Frau in die Pflicht genommen – das ist eine Art Sippenhaftung“, sagt der Ehemann. Fest steht allerdings: Mehrere Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht haben die Rechtmäßigkeit des besonderen Kirchgelds bestätigt.

 Wie viel das in Schleswig-Holstein ausmacht, kann weder die Nordkirche noch das Finanzministerium in Kiel beziffern. Das besondere Kirchgeld werde nicht gesondert erfasst, heißt es unisono. Bei der Evangelischen Kirche Deutschland wird man aber fündig. Danach waren 2012 von den insgesamt 4625 Millionen Euro Kirchensteuern 30 Millionen Kirchgeld – also gut 0,6 Prozent. Für das Ehepaar aus Schleswig-Holstein stellt sich damit die Sinnfrage: „Wiegt diese Summe wirklich den Aufwand, den Imageschaden und den dauerhaften Verlust von Kirchenmitgliedern auf?“

 Glaubt man Internetforen zum Thema, hat das Kirchgeld tatsächlich bereits Mitglieder aus den Kirchen vertrieben. „Man hat ja nur zwei Möglichkeiten, dem Kirchgeld zu entgehen“, sagt die betroffene Schleswig-Holsteinerin, „die getrennte Einkommenssteuererklärung oder den Austritt.“ Sie hat sich noch nicht entschieden.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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