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Nandus im Visier

Schleswig-Holstein Nandus im Visier

Große graue Vögel mit langem Hals und langen Beinen staksen über die Felder im Grenzgebiet von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Hier steht Frank Philipp auf einem Hügel, das Fernglas vor Augen, und zählt: „Ein Hahn, sechs Hennen.“ Er trägt die Nandus in eine Karte ein.

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Grund zur Freude für diesen Nandu: Die Tiere breiten sich in Norddeutschland immer weiter aus.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Schlagsdorf/Ratzeburg. Philipp ist im Auftrag des Schweriner Umweltministeriums unterwegs. Er zählt wildlebende Nandus, die eigentlich in der südamerikanischen Pampa zu Hause sind. Seit einigen Jahren breiten sie sich in Norddeutschland aus. Rund 120 Tiere haben Philipp und seine Mitstreiter bei der Frühjahrszählung im etwa 100 Quadratkilometer großen Verbreitungsgebiet östlich des Ratzeburger Sees ausfindig gemacht. Die flugunfähigen Laufvögel mit dem lateinischen Namen Rhea americana zu entdecken, ist nicht schwer. Sie lieben die offene Landschaft und sind wenig scheu. Der Spaziergänger kommt ihnen näher als einem Reh. Die Nandu-Zähler haben etwas weniger Tiere gefunden als im Herbst. Damals waren es 144. Es sei normal, dass nicht alle Jungtiere den Winter überleben, sagt Philipp, steigt in den Geländewagen und fährt zum nächsten Beobachtungsposten. Von dort überblickt er ein renaturiertes Moor, auf dessen weiten Wiesen Rinder grasen. Zwischen ihnen zupfen Nandus am frischen Grün. „So ungefähr sieht es in Südamerika aus“, erzählt er. Dort seien die Nandus aber vom Aussterben bedroht. da die Besitzer von Rinderherden sie als Futter-Konkurrenten jagen.

In Deutschland halten Liebhaber die leicht zu zähmenden Nandus zur Freude. Ihr Fleisch gilt hierzulande nicht als Delikatesse. Immer wieder büxen Tiere aus privaten Gehegen aus. Die Experten führen die wilde Population auf die wenigen Exemplaren aus einer Haltung bei Lübeck zurück, denen von den 1990er Jahren bis zur Schließung des Geheges 2008 die Flucht gelang. Sie zeige die Tendenz zur Ausbreitung nach Osten, sagt Philipp. Auch wenn der Ratzeburger See im Westen als natürliche Grenze gelte: Einige Landvögel haben es schon nach Schleswig-Holstein geschaft, wie das Kieler Umweltministerium bestätigte. Ihre Kollegen in Schwerin sehen die Tiere als einzige bekannte Population in Mitteleuropa, die sich nach Ausbrüchen aus Gehegen etablieren konnte.

Bei Spaziergängern rufen die bis zu 1,40 Meter großen Nandus Staunen hervor, bei Landwirten Ärger. Die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Nordwestmecklenburg, Petra Böttcher, sieht in der massiven Ausbreitung ein wachsendes Problem: „Sie beißen gerne die Rapsblüten ab und zertreten sie auch.“ Die Pflanze trage dann keine Früchte. Die Bauern fordern, die Population reduzieren zu dürfen, wenn sie überhand nimmt. Außerdem sollten die Tiere in den Katalog der Wildschadenskasse aufgenommen werden. „Wenn Wildschweine das Feld umwühlen, kann ein Landwirt Schadenersatz bekommen“, sagt Böttcher. Bei Schäden durch Nandus gebe es nichts. Nandus sind kein jagdbares Wild, sondern stehen auf der Artenschutzliste. „Man darf sie nicht einmal verscheuchen, sondern muss sie auf dem Acker dulden.“ Die Behörden sehen aber bislang keinen Anlass zum Eingreifen.

Philipp kann den Ärger nicht nachvollziehen und schätzt die Schäden als gering ein. „40 Nandus fressen so viel wie eine Kuh.“ Die Landwirtschaft fördere das Überleben der Nandus durch den großflächigen Rapsanbau, der den Tieren ideale Voraussetzungen, biete, um gut über die kalte Zeit zu kommen. Natürliche Feinde hat der erwachsene Nandu in Deutschland nicht. Lediglich die Küken und Jungtiere können Opfer von Füchsen und Seeadlern werden. Von Autos würden jährlich ein bis drei Tiere überfahren. Mit einer reichen Brut sorgt der Nandu dafür, dass die Verluste nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Einen Hahn begleiten stets mehrere Hennen. Sie legen in sein Nest im Lauf der warmen Jahreszeit bis zu 30 Eier – die er dann ausbrütet.

Von Iris Leithold

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