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Training gegen Gewalt

Kiel: Konfliktkursus für junge Straftäter Training gegen Gewalt

Rund 180 jugendliche- und erwachsene Straftäter mussten im vergangenen Jahr ein Anti-Gewalt-Training (AGT) in Schleswig-Holstein besuchen. Oft treffen sie dabei auf Michael Mohr. Er ist Leiter des KO-Instituts für Konfliktkompetenz in Kiel. Ein Besuch.

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Volle Konzentration: Anti-Gewalt-Trainer Michael Mohr beobachtet seine Schützlinge während des Spiels mit einer Handvoll Bauklötzen.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Sati* (27) baut Klotz auf Klotz. Dann steckt er die Schraube durch das Loch eines Bausteins und dreht von der anderen Seite die Mutter auf. Tom* (18) ist der Bauleiter. Beide sitzen Rücken an Rücken. Jeder hat die gleichen Bauteile vor sich liegen. Tom bestimmt, welches Teil Sati als nächstes anbauen soll. Nachfragen sind nicht erlaubt. Sati kommt schon lange nicht mehr mit. Nach ein paar Minuten gibt er genervt auf, weil er an Bauklötzen verzweifelt, mit denen sonst Kinder sich beschäftigen. Heiko* (23) beobachtet das Spiel – und wird später die „schlechte Kommunikation“ bemängeln.

Alle drei sind wegen mehrfacher Körperverletzung verurteilt worden. Die Richter haben ein Anti-Gewalt-Training angewiesen. 30 Stunden lang. „Anfangs war das ganz schön hart, hier drei Stunden pro Woche zu sitzen“, sagt Heiko. Doch nach einem Monat habe es bei ihm Klick gemacht. Knackpunkt sei ein Zettel mit Legitimationsstrategien gewesen. Darauf standen Phrasen wie „Der hat mich angerempelt“ oder „Der hat so blöd geguckt“ – damit rechtfertigten viele Straftäter ihr Verhalten, sagt Michael Mohr. „Es reicht manchmal schon, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber eine glücklichere Kindheit hatte.“ Heiko sagt: „Als ich den Zettel las, war es so, als hielte mir jemand einen Spiegel vor.“

Mohrs Team gestaltet den Trainingsaufbau nach einem Vier-Phasen- Modell. Erste Phase: biographische Analyse. Die Straftäter erzählen ihre eigene Lebensgeschichte. Sie wird auf einer Wandzeitung festgehalten. Mohr möchte damit seinen Klienten das eigene Schicksal und bisherige Gewalterfahrungen, Handicaps und Kränkungen transparent machen, aber auch Lichtblicke aufzeigen. In der zweiten Phase werden die Straftäter mit der eigenen Tat konfrontiert. Sie müssen sich mit Tattag, Tatvorgang, der Opferperspektive und den Folgen für das Opfer auseinandersetzen. Die meisten Straftäter, sagt Mohr, fühlen sich dann ertappt. „Sie wissen, dass es so nicht weitergeht und sie einen anderen Weg einschlagen müssen.“ Die dritte Phase, das Kompetenztraining, ist für Mohr am bedeutsamsten. Seine Schützlinge sollen ihre eigenen Begabungen erkennen, sie realistisch einschätzen und Bemühungen der anderen respektieren. Sati, Tom und Heiko haben die ersten drei Phasen durchlaufen. In der letzten, der Wiedergutmachungsphase, zieht Mohr Polizisten, Juristen und Fachkräfte aus der Paar- und Familientherapie oder der Drogenhilfe hinzu. Ebenso versucht er das Training mit erlebnispädagogischen Elementen – wie dem Spiel mit den Bauklötzen – anzureichern. „Ich möchte mit dem Spiel visualisieren, wie unklar Sprache sein kann“, sagt der Anti-Gewalt-Trainer. Er rät seinen Teilnehmern, sich präzise auszudrücken. Andernfalls könne es in einer Schlägerei enden.

 Sati und Heiko fällt es immer noch schwer, über ihre Straftaten zu berichten. Nur Tom traut sich, seine Geschichte detailliert zu erzählen. Der 18-Jährige hat vor zwei Jahren „einen Typen auf einer Party“ kennengelernt. „Wir nahmen Kokain, Marihuana, Speed – alles was ging. Dann sind wir losgezogen, haben Leute angerempelt, ihnen sofort aufs Maul gehauen, teilweise Flaschen zur Hilfe genommen“, sagt er. Seine Eltern setzten ihn zweimal vor die Tür, und seine Stiefmutter schloss sich mit ihren beiden Kindern jedes Mal ein, wenn er nach Hause kam. „Sie hatte Angst, dass ich durchdrehe.“ Tom findet schnell klare, harte Worte. Er will zu der Sache stehen, die er verbockt hat. Warum er jetzt beim AGT gelandet ist? „Ein Typ hat mir auf einer Party ins Gesicht geschlagen. Ehrlich. Da habe ich ihn über drei Tische geprügelt. Dann kam die Polizei.“ Der damals 17-Jährige wurde zu 80 Sozialstunden und einem AGT verurteilt. Der Richter kannte ihn schon.

Tom habe gegen das System rebelliert, sagt Michael Mohr. Der Experte spricht von Verwöhnungsverwahlosung. Tom komme eigentlich aus gutem Zuhause, habe aber woanders den Kick gesucht. Mittlerweile sei er auf dem richtigen Weg. Mohr versucht, die Teilnehmer nach erfolgreichem Abschluss des AGT weiter zu unterstützen. „Wir bleiben per SMS-Gruppe in Kontakt.“ Von 80 Teilnehmern, die Mohr 2012 betreut hat, sind vier von neuem strafrechtlich in Erscheinung getreten. „Das heißt aber nicht, dass alle anderen keinen Bockmist mehr bauen, einige werden nur nicht erwischt oder angezeigt“, sagt der 42-Jährige.

Tom erzählt noch von seinen Eltern, mit denen er sich wieder vertragen habe, von alten Freunden und ehrgeizigen beruflichen Zielen. Dann stellt Michael Mohr das nächste Spiel aus seiner „Konfliktkiste“ vor: Pantomime. Er steckt mit einem Seil einen Kreis ab und fordert Heiko auf, sich in die Mitte zu stellen. „Sati soll versuchen, in dein Haus zu kommen“, sagt Mohr. „Ihr dürft aber nur mimisch und gestisch miteinander kommunizieren.“ Sati formt mit seinen Händen ein Herz und lächelt Heiko an. Der Hausbesitzer schüttelt den Kopf. Sati verzieht das Gesicht. Er unternimmt einen neuen Versuch. Der 27-Jährige faltet die Hände, sinkt auf die Knie und fleht Heiko an. Das sieht komisch aus. Beide müssen lachen.

*Name geändert, aber der Redaktion bekannt

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Ein Artikel von
Sven Hornung
Redakteur für besondere Aufgaben

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