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Neue Lunge trotz Keimbesiedlung

Uniklinik Kiel Neue Lunge trotz Keimbesiedlung

Einem Ärzteteam des Universitätsklinikums Kiel ist es gelungen, einer schwerstkranken Patientin erfolgreich eine Lunge zu transplantieren. Das Besondere: Die 50-Jährige war mit dem multiresistenten Keim Acinetobacter baumannii besiedelt. Es sei, so sagten die Ärzte gestern, eine extrem schwierige Entscheidung gewesen, ob man die Organtransplantation unter diesen Umständen überhaupt wagen sollte.

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Zehn Stunden dauerte der Eingriff, bei dem das UKSH-Ärzteteam einer 50-Jährigen zwei Lungenflügel transplantierte.

Quelle: Jens Ressing

Kiel. Die 50-jährige Schleswig-Holsteinerin litt seit Jahren an einer schweren Lungenerkrankung. Ihr Zustand konnte aber stabil gehalten werden, indem sie zu Hause beatmet und mit Sauerstoff therapiert wurde. Doch im Oktober 2014 verschlechterte sich der Zustand der Frau massiv: Eine Lungenentzündung führte zum Lungenversagen. In die Klinik für Innere Medizin konnte das Team um Prof. Burkhard Bewig die Frau nur noch mit einem Lungenersatzverfahren am Leben halten: Dabei wurde das Blut der Patientin über künstliche Membranen geleitet und ununterbrochen direkt mit Sauerstoff angereichert. Ohne diese Lungenersatztherapie wäre kein Überleben mehr möglich gewesen. Die einzige Chance auf ein Leben ohne Maschine war eine Organtransplantation.

 Doch dann gelangte im Dezember 2014 der multiresistente Keim mit einem Urlauber aus Südeuropa auf die Intensivstation und verbreitete sich durch die Enge unter den Patienten. Die 50-Jährige war zwar nicht mit dem Keim infiziert, ihre Haut aber damit besiedelt. Damit stand die geplante Transplantation in Frage. Denn das Risiko einer Keiminfektion, die kaum behandelbar gewesen wäre, war hoch: „Allein die Wundfläche – ein mögliches Einfallstor – ist bei einer Transplantation sehr groß. Vor allem ist der Patient aber durch den Eingriff und die Medikamente stark geschwächt, die Immunabwehr massiv herabgesetzt“, erklärt Prof. Bewig, der in der Klinik für Pneumologie und Intensivmedizin verantwortlich ist.

 Die Ärzte des UKSH konsultierten daher die Bundesärztekammer und Eurotransplant, die die Spenderorgane zuteilt. Dort konnte man den Kieler Ärzten die Entscheidung jedoch nicht abnehmen. Immerhin stufte man die Transplantation aber als „nicht unethisch“ ein, und Eurotransplant war grundsätzlich bereit, bei entsprechender Indikation ein Spenderorgan freizugeben. „In einer solchen Situation die Verantwortung übernehmen zu müssen, fällt schwer“, sagt Prof. Jochen Cremer, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie, „trotz ernstzunehmender kritischer Überlegungen haben wir uns für die einzig noch verbleibende Chance entschieden, unserer Patientin mit einer Organtransplantation zu helfen.“

 Zehn Stunden lang dauerte der Hochrisikoeingriff – dann hatten unter Leitung von Prof. Cremer die Privatdozenten Dr. Assad Haneya und Dr. Ole Broch, Oberarzt Michael von der Brelie und Prof. Norbert Weiler der Patientin zwei Lungenflügel transplantiert. Trotz der ungünstigen Ausgangssituation kam es in den folgenden Wochen weder zu einer Keiminfektion noch zu einer Organabstoßung. Die 50-Jährige erholte sich, konnte wieder ohne Beatmung leben und nach monatelanger Intensivtherapie zuletzt wieder selbstständig auf dem Klinikflur spazieren gehen. Jetzt wurde sie entlassen, um in einer Reha-Klinik zu trainieren. Ihr Ziel: baldmöglichst nach Hause zurückzukehren.

 Zurzeit werden noch zwei Patienten von ursprünglich 31 Patienten, bei denen der Keim Acinetobacter baumannii nachgewiesen wurde, im UKSH behandelt. 14 Patienten mit lebensbedrohlicher Grunderkrankung sind verstorben, bei drei Todesfällen kann ein Zusammenhang mit dem Keim nicht ausgeschlossen werden.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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