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Die Bio-Nazis von nebenan

Völkische Siedler Die Bio-Nazis von nebenan

Sie geben sich aus als Ökobauern, Schmiede oder Imker und kaufen Höfe in dünn besiedelten Gebieten Deutschlands: Hunderte sogenannte völkische Siedler verbreiten rechtsextremes Gedankengut – und unterwandern Dorfstrukturen

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Ländliche Romantik – und völkisches Gedankengut: Wandgemälde an einem Siedlerhof in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: dpa

Jamel. Ein großer Wegweiser zeigt von der Hauptstraße zum ehemaligen Pferdestall des Gutshofes, der verschiedene Werkstätten beherbergt. Es gibt einen Kunstschmied, eine Buchbinderin, einen Steinmetz und einen Bildhauer. In der Nachbarschaft haben sich ein Biobauer und ein Ökobaustoffhändler niedergelassen. Eine der Frauen arbeitet als Hebamme mit eigenem Geburtshaus. Vieles an der Anlage in dem kleinen Dorf Klaber in der Nähe von Güstrow wirkt wie eine Hofstatt im Mittelalter. Man verkauft Honig der Marke „Freie Erde“, bunt gefärbte Schafswollknäuel, Clogs aus grobem Leder und Sonntagskleidchen mit weißen Schürzen.

Auf den zweiten Blick sind vor dem Eingang eine steinerne Stele und Silberketten mit Thorhammer zu sehen. An einem Kinderfahrrad prangt ein Christenfisch in den Klauen eines nordischen Adlers, das Zeichen der rassistischen „Artgemeinschaft“. Die Familien, die sich auf dem entlegenen Bauernhof niedergelassen haben, sind weder harmlose „Ökos“ noch nostalgische Mittelalterhandwerker. Sie gehören zu den sogenannten völkischen Siedlern – wie Hunderte weitere, die sich seit einiger Zeit aus ganz Deutschland in der Landschaft zwischen Mecklenburgischer Schweiz und Lüneburger Heide niederlassen.

Völkische Siedler fallen kaum auf

Die harmlos wirkenden Nachbarn arbeiten als Bauern, Imker oder Kunsthandwerker. Nach außen hin fallen die gut getarnten Rechtsextremisten unter der einheimischen Landbevölkerung kaum auf. Die Männer tragen lange Bärte und Zimmermannshosen. Die Frauen helfen beim Melken und organisieren Nachbarschaftshilfe. Ihre Ziele sind allerdings andere. Sie wollen Dorfstrukturen unterwandern und rechtsextremes Gedankengut verbreiten.

Steinerne Stele: Siedler-Haus in Klaber.

Quelle: Jörg Köpke

Einige von ihnen nennen sich „Neo-Artamanen“, einer war Anführer in der inzwischen verbotenen militanten „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), ein anderer führend in der Berliner NPD. Einer ist Vorsitzender des eingetragenen Rassistenvereins „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“, zu dessen Vermögen Immobilien wie der „Heisenhof“ im niedersächsischen Dörverden zählt. Seine Frau hat 2006 den NPD-nahen „Ring nationaler Frauen“ mitgegründet. Beide lernten sich bei Schulungen der inzwischen ebenfalls verbotenen „Wiking-Jugend“ kennen.

Auch in anderen dünn besiedelten Gegenden mit niedrigen Bodenpreisen haben sich „nationale Dorfgemeinschaften“ gebildet, die neben ihren Häusern eigenes Land bewirtschaften und Bioprodukte zum Verkauf anbieten. Das Siedlungsgebiet reicht von Wismar und Bad Doberan über Ludwigslust und das Wendland bis hin zur Lüneburger Heide und nach Sachsen-Anhalt. Die Heinrich-Böll-Stiftung warnt in dem Faltblatt „Braune Ökologen“ vor Rechtsextremen, die sich gegen Gentechnik wehren oder an Anti-Atom-Protesten beteiligen. Sogar die agrarpolitische Sprecherin einer Schweriner Landtagsfraktion tappte unlängst in die Falle, als sie sich von völkischen Ökobauern auf eine Podiumsdiskussion über „gentechnikfreie Regionen“ locken ließ.

Der Freund der Mutter wollte sie "deutscher" machen

Das Innenleben der Höfe ist gut abgeschirmt. Wenn etwas nach außen dringt über diese unheimliche Szene, dann durch Aussteiger. Die 16-jährige Rebekka (Name ist von der Redaktion geändert) war gezwungen, in der Szene zu leben. Der Geliebte ihrer Mutter ist ein rassistischer Neonazi, er lebt als völkischer Siedler. Rebekka spürte das am eigenen Leib. Der Freund ihrer Mutter wollte sie „deutscher“ machen. Häufig habe er sie geschlagen. Sie ritzte sich anschließend mit einer Rasierklinge die Unterarme auf, „um Druck abzubauen“, wie sie erzählt. „Ich soll mir Zöpfe flechten, lange Filzröcke tragen und später möglichst viele arische Kinder bekommen. Das widert mich an“, sagt die 16-Jährige und beginnt zu weinen. Ihr Handy sollte sie auf Deutsch „Funki“ nennen. Das Wohnzimmer in ihrem Elternhaus schmücken germanische Runen und ein Sonnenstern der Wikinger. Ein Kalenderblatt des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP von 1938 hängt an der Wand. Es zeigt in Nazi-Ästhetik einen blonden Hünen mit nacktem Oberkörper, zwischen dessen Beinen eine noch blondere Frau kniet und devot ein Baby im Arm hält. Als sich ihre Mutter ein Hakenkreuz auf den Rücken tätowieren lässt und Freundinnen das Nazi-Emblem bei einem Besuch entdecken, laufen sie entgeistert weg – und Rebekka gleich mit.

Karen Larisch kümmert sich um Mädchen wie Rebekka. Die Linkspolitikerin sitzt in der Stadtvertretung von Güstrow und engagiert sich ehrenamtlich im „Villa Kunterbündnis“. Sie versucht, besonders den Kindern einen Weg aus dem „sektenähnlichen Leben“ zu bahnen. Mehr als 60 Minderjährige, so schätzt sie, leben zurzeit in völkischen Familien allein im Amt Krakow am See.

Himmler und Höß mischten sich unter die "Artamanen"

Im wenige Kilometer entfernten Koppelow ließen sich schon in den 1920er-Jahren völkische „Artamanen“ nieder. Unter ihre Anhänger mischten sich ranghohe Nationalsozialisten wie SS-Chef Heinrich Himmler und der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß. Die Neusiedler fühlen sich dieser Tradition verpflichtet. Humanismus und Christentum lehnen sie als „widernatürlich“ ab. Sie setzen sich – anders als man auf den ersten Blick vermuten könnte – nicht für Mensch und Umwelt ein, sondern für die „Art“, wie man als Deutscher vermeintlich zu leben hat: ländlich, erdverbunden, autark und von „reiner deutscher Abstammung“.

Vielen wird die Gefahr, die von den Siedlern ausgeht, zu spät bewusst. „Die haben uns nichts getan“, sagt eine Frau, die in der Nähe eines der Biohöfe bei Güstrow wohnt. „Die Leute sind freundlich und harmlos. Dass die etwas altertümliche Kleidung tragen, heißt ja noch nichts“, meint sie. „Das wird alles von außen aufgebauscht.“ Dem widerspricht Karen Larisch: „Die Verbindungen der völkischen Siedler reichen von der NPD über die AfD bis hin zu gewaltbereiten Kameradschaften und Hammer­skins.“ Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern spricht von „szeneinterner Vernetzung“.

"Wir wehren uns, wenn völkische Mütter in den Elternbeirat einer Schule wollen“, sagt Karen Larisch, Linken-Politikerin.

Quelle: dpa

Heidi Benneckenstein stieg vor fünf Jahren aus dieser Szene aus. Sie musste ihren Namen ändern und nach Bayern ziehen, um dem Sog und der Gewaltbereitschaft ihrer völkischen Familie zu entkommen. Als Kind war es für sie normal, „Neger“, „Polacke“ oder „Herrenrasse“ zu sagen. Eine Welt, in der Kinder nicht mit Lego spielen, sondern das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 aus Sperrholz sägen und Gewalt „als normales Erziehungsmittel“ gilt.

Geheimdienst lässt völkische Siedler beobachten

Die Politik verschließt vor dem Phänomen noch weitgehend die Augen. Zwar lässt Mecklenburg-Vorpommern die völkischen Siedler seit 2011 vom Geheimdienst beobachten. Die Landesregierung gibt im jüngsten Verfassungsschutzbericht allerdings überhaupt keine Zahlen mehr an. Zuvor sprach sie jahrelang von „weniger als 20“ völkischen Siedlern. „Die Zahl liegt viel höher“, erklärt der Historiker Falk Nowak von der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung. „Wir gehen bundesweit von weit mehr als 1000 völkischen Siedlern aus, die meisten von ihnen leben in Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings gibt es bislang keine verlässlichen Studien dazu“, sagt Nowak, der zurzeit an einer solchen Studie arbeitet. Zur Bewegung zählten rechte Größen wie Götz Kubitschek, der noch im März in Sachsen-Anhalt mit AfD-Landeschef André Poggenburg dessen Wahlsieg bei der Landtagswahl feierte und angeblich enge Kontakte zur österreichischen Neonazi-Szene pflegt. Auch Kubitschek lebt in völkischer Siedlertradition mit seiner kinderreichen Familie auf einem Gut in Schnellroda in Sachsen-Anhalt.

Für Karen Larisch geht es darum, die „braune Graswurzelarbeit“ möglichst frühzeitig zu bekämpfen. „Wir wehren uns, wenn völkische Mütter in den Elternbeirat einer Schule wollen, wenn die Feuerwehr oder der Schützenverein gekapert werden.“ Ihr liegen besonders die Kinder am Herzen. „Wenn es mir gelingt, zwei junge Menschen im Jahr dem Einflussbereich ihrer völkischen Eltern zu entziehen, bin ich froh“, sagt sie.

Von Jörg Köpke

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