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Original oder Fälschung?

Heikendorf Original oder Fälschung?

Viel durchsuchen mussten die Kunstfahnder des Berliner Landeskriminalamtes nicht. Meterhoch blickt die vermeintliche „Wehrmacht“ vom Garten eines Anwesens in Heikendorf auf die Förde und ist von dort aus deutlich zu sehen.

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Die Spitzen der drei Teilstreitkräfte der Wehrmacht, Luftwaffe, Heer und Kriegsmarine, nach dem Neujahrsempfang in der neuen Reichskanzlei. Im Vordergrund v. l.n.r.: Generaloberst von Brauchitsch, Generalfeldmarschall Hermann Göring, Generaladmiral Erich Raeder. Rechts im Bild die Statue 'Die Wehrmacht' von Arno Breker. *** Local Caption *** 00293178

Quelle: Scherl SZ Foto

Heikendorf. Ein Kunstsammler hat die überlebensgroße Bronze-Plastik - ein nackter Mann mit Schwert und geballter Faust - vor Jahren in seinem Garten direkt am Ufer aufgestellt und steht plötzlich inmitten eines Kunst-Krimis, der Ermittler in mehreren Ländern beschäftigt.

Der Grund: Die tonnenschwere Bronzestatue stand im Original einst im Ehrenhof der Reichskanzlei von Adolf Hitler. Das Bundesvermögensamt prüft jetzt eigene Ansprüche, die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt wegen Verdachts auf Hehlerei und schickte Fahnder in den Norden. Doch ist die Heikendorfer Statue wirklich das Original des umstrittenen Künstlers Arno Breker (1900 bis 1991), das die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges unbeschadet überstanden hat? Der Sammler spricht gegenüber unserer Zeitung von einem „Nachguss“, hält sich aufgrund der laufenden Ermittlungen und der folgenden Medienberichterstattung jedoch bedeckt. Seine Darstellung, es handle sich bei der „Wehrmacht“ in seinem Garten um eine nach dem Krieg gegossene Nachbildung, habe er den Ermittlern mit Dokumenten belegen können. Alle anderslautenden Behauptungen seien unwahr, betont der Heikendorfer.

Vom federführenden Landeskriminalamt in Berlin gibt es auf die Frage keine eindeutige Antwort. „Derzeit wird noch verifiziert, ob das Objekt, das bei Kiel entdeckt wurde, ein Original ist“, erklärte ein Sprecher. Und weiter: „Beschlagnahmt wurde dort bisher nichts.“ Im Gegensatz dazu wurden in einer Lagerhalle in Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz zahlreiche Nazi-Skulpturen sichergestellt. Wie berichtet befanden sich darunter auch die tonnenschweren Bronzepferde von Joesef Thorak, die vor 15 Jahren ebenfalls im Garten des Heikendorfer Sammlers gestanden haben.

Die Geschichte über die einstigen Kunstschätze der Nationalsozialisten, die in der vergangenen Woche mit einer bundesweiten Razzia ihren Höhepunkt erreichte, schlägt bundesweit Wellen. In seiner jüngsten Ausgabe berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auf mehreren Seiten über die Spur der Ermittler, die direkt an die Förde führt. Dort heißt es unter Berufung auf den Sammler, die „Wehrmacht“ in Heikendorf sei aus Teilen des schwer beschädigten Originals zusammengesetzt worden, stamme aus der DDR und sei vor Jahren im Schrotthandel aufgetaucht.

Kunstexperten aus ganz Deutschland streiten nun, wie mit den Plastiken aus Bad Dürkheim umgegangen werden soll. Das Museum Arno Breker in Nordrhein-Westfalen, wo Teile des Nachlasses des 1991 verstorbenen Künstlers ausgestellt werden, erhebt keine Ansprüche auf die Objekte. Schriftlich teilt das Museum mit, man sei „unverschuldet in die Fahndungs-Diskussion hineingezogen und im Ansehen geschädigt worden“. Gleichzeitig bestätigt das Museum aber Berichte, wonach einige der jetzt beschlagnahmten Arbeiten 20 Jahre lang „unbemerkt von der Öffentlichkeit“ auf dem Museumsgelände gelagert, vom vermeintlichen Eigentümer später jedoch wieder abgeholt worden waren.

Bereits 2006 sorgten monumentale Skulpturen Arno Brekers bundesweit für Schlagzeilen. Ausgerechnet im „Schleswig-Holstein-Haus“ in Schwerin lief die Ausstellung „Zur Diskussion gestellt. Der Bildhauer Arno Breker“. Bereits damals waren sich Kunstexperten über den Umgang mit der Kunst des Dritten Reiches uneins. Darf man „Nazi-Kunst“ zeigen? Sollte man Hitlers Lieblingskünstler einen Raum geben? Diese Diskussion steht jetzt unabhängig von den laufenden Ermittlungen und den ungeklärten Eigentumsverhältnissen erneut an.

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH