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Mehr als nur das letzte Festland vor Sylt

Wiedingharde mit Seebüll Mehr als nur das letzte Festland vor Sylt

Schafe, viele Schafe, und wenig Menschen: Das sieht man bei der Durchfahrt durch das platte Land der Wiedingharde, rechts von der Nordsee. Aber es gibt Dörfer, die wachsen, und Tiere, die Busladungen von Touristen anlocken. Und ganz viel Ruhe und Flädlesuppe.

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Internationaler Anziehungspunkt in der Wiedingharde: Das Nolde-Museum in Seebüll.

Quelle: dpa/Carsten Rehder

Klanxbüll. Ein Museum, Kultur, Kunst, hier, in dieser Einöde? Emil Noldes Schwiegervater hielt es für eine „Schnapsidee“, wie seine Tochter später erzählte. Die Einrichtung der Nolde Stiftung Seebüll, die Umwandlung von Wohnhaus und Atelier des Malers (1867 bis 1956) in ein Museum, wurde trotzdem umgesetzt, und gerade läuft die 59. Jahresausstellung unter dem Titel „Die Kunst selbst ist meine Sprache“.

Gerade diese karge Landschaft im alleräußersten Norden des Landes, im tiefsten Nordfriesland, wo sich Schaf und Rohrdommel Moin sagen, hat Nolde ja so inspiriert. „Mich sehnte nach hoher, freier Luft, nach herber, starker Schönheit, so wie die Westküste mit ihrer weiten Himmelsspannung und den Wolken über Marschland und Wasser besonders in den rauhen Jahreszeiten sie so verschwenderisch gibt“, pries Nolde selbst den Ort. „Ein völlig anderer Kosmos“, findet auch Caroline Dieterich von der Nolde Stiftung, „fern vom Alltagsstress“. Und doch kommt die Welt hierher: Das Gästebuch verrät Japaner, Amerikaner, Kanadier. Mehr Ältere, sagt Dieterich.

Das letzte Landstück vor Sylt

In der Wiedingharde liegt Seebüll. Einst bestand das Land aus Inseln und Halligen, erst seit dem 16. Jahrhundert gehört es zum Festland. Jetzt ist es wohl den meisten bekannt als das letzte Landstück vor Sylt – durch Klanxbüll rattern Regionalzüge und Autozug vorbei am letzten Festlandbahnhof. Von dieser Nähe zu Sylt profitiert der Ort mit knapp 1000 Seelen.

Klanxbüll wächst, dank der Sylter auf der Flucht vor Mieten und Immobilienpreisen auf der Insel. 20 bis 30 Leute seien immerhin schon zugezogen, berichtet Bürgermeister Friedhelm Bahnsen. „Häuser stehen bei uns nicht lange zum Verkauf, Leerstände haben wir nicht.“ Vereinzelt zögen auch Ruhesuchende aus Norddeutschland zu.

Der große Tourismus geht an Klanxbüll vorbei, aber es gibt in der Gegend immerhin ein Kulturhaus und Konzerte. Und den Bahnhof: „In einer komplett anderen Welt“ auf Sylt ist der Reisende nach nur 20 Minuten, sagt Bahnsen. Einöde, findet er, sieht anders aus. „Bei uns gibt es alles.“

Ein Kind wurde 2014 geboren

„Verschlafen ist es nicht“, sagt auch der Rodenäser Bürgermeister Jörg Nissen. Natürlich sei man „fernab von Theater oder großen Konzerten“, aber: „Es geht auch mit Coverbands“, lacht er. Demographischer Wandel? Ja, auch hier, ein Kind sei vergangenes Jahr geboren worden, früher seien es mal 20 im Jahr gewesen. Aber vermehrt kämen Rodenäser zurück in die Heimat, auch ein paar Sylter sind gekommen, und ganz vereinzelt die Ruhesuchenden, aus Hamburg, aus Köln. Die waren aber vorher hier, kannten die Gegend. „Wer blauäugig kam, die sind nicht lange geblieben.“

Denn die Wiedingharde bietet nun mal vor allem Grün bis zum Horizont, windzerzauste Bäume, Deiche, Wassergräben und Getier. „Busseweise“ kämen Touristen anlässlich des Phänomens der Schwarzen Sonne, berichtet Carola Steltner, die das Infozentrum Wiedingharde in Klanxbüll leitet. Hunderttausende Stare lassen sich in den Marschen, an Seen nieder, jetzt im Frühjahr und im Herbst. „Die Natur ist prägend“, benennt sie die Besonderheit der Landschaft. Die eingedeichten Flächen seien sehr nass und böten somit Raum für eine große Artenvielfalt.

Exotisches von Maultaschen bis Flädlesuppe

Schicke Geschäfte, In-Diskotheken und hippe Restaurants gehören nicht zum Angebot. Was nicht heißt, dass es nicht auch exotische Küche gibt. Der Gasthof Südwesthörn, der fast mit einem Tisch in der Nordsee steht und früher mal Gert Fröbe und Hans Albers beherbergte, bietet Spezialitäten des Südens. Zwischen Watt und Wiedingharde kredenzt das Ehepaar Ferley hinter Emmelsbüll-Horsbüll Flädlesuppe, Zwiebelrostbraten, Maultaschen und Allgäuer Käsespätzle. Krabben und Scholle gibt's auch. Viele Süddeutsche laben sich daran, aber auch Einheimische, erzählt Manuel Ferley. Maultaschen und Zwiebelrostbraten liefen besonders gut.

Aus Waiblingen bei Stuttgart kommt die Familie, Ferleys Frau Vivian lernte einst im Fischrestaurant. Auf der Suche nach einem Gasthaus für seine Tochter fand Tom Ferley schließlich das Haus am Meer. „Wir sind belächelt worden am Anfang“, erinnert er sich. Jetzt gebe es auch anderenorts Maultaschen. Wie sagte Friedhelm Bahnsen? „Bei uns gibt es alles.“

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Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Die meisten von Noldes Bildern sind aus seiner Vorstellungskraft heraus entstanden. Stiftungsdirektor Christian Ring, hier im Bildersaal von Seebüll, sieht darin eine Erklärung für die Einzigartigkeit und Vielschichtigkeit von Noldes Kunst. Und dafür soll die 59. Jahresausstellungder Stiftung stehen.

Die ersten Krokusse in Seebüll recken bereits schüchtern ihre Blüten der Sonne entgegen – pünktlich zum meteorologischen Frühlingsbeginn und zur Eröffnung des Noldemuseums. Die 59. Jahresausstellung kommt ohne inhaltliches Thema aus. „Die Kunst selbst ist meine Sprache“ lautet das Motto nach einem Zitat des Künstlers.

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