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Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord

91-Jährige vor Gericht Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord

Die Anklage wiegt schwer: In mehr als 260 000 Fällen soll sich eine damals 21-Jährige der Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Auschwitz schuldig gemacht haben. Die ehemalige Funkerin ist heute 91 Jahre alt und lebt in Neumünster. Die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig will die Frau jetzt vor das Landgericht Kiel bringen. Die Juristen sehen einen hinreichenden Tatverdacht und beschuldigen die Seniorin, den Tätern und Gehilfen bei der systematischen Ermordung von Juden geholfen zu haben.

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In mehr als 260 000 Fällen soll sich eine damals 21-Jährige der Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Auschwitz schuldig gemacht haben.

Quelle: Arne Dedert/ dpa/ Archiv

Schleswig/Neumünster. „Als Gehilfe wird bestraft, wer vorsätzlich einem anderen zu dessen vorsätzlich begangenen rechtswidriger Tat Hilfe geleistet hat“, erklärte Heinz Döllel, Sprecher der Generalstaatsanwalt in Schleswig.

Die Beschuldigte wurde nach einer Veröffentlichung und den Informationen unserer Zeitung 1923 in Schlesien geboren. Nach der Volksschule machte sie eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Stenotypistin. Seit dem 1. September 1941 war sie Mitglied der NSDAP. Ab 1943 soll sie zur Funkerin ausgebildet worden sein. Von 20. April bis zum 8. Juli habe sie im Konzentrationslager Auschwitz gearbeitet, heißt es in einem Schriftstück: Ihre Vorgesetzten beurteilten ihre Führung im Dienst als vorbildlich. In weltanschaulicher und SS-mäßiger Sicht fehle es noch an der nötigen Festigung. Die damals junge Frau wurde am 18. Juni 1945 verhaftet und sei anschließend bis Juni 1947 in Ludwigsburg und Dachau interniert gewesen.

 Aus diesem Jahr stammt eine persönlichen Erklärung von ihr, in der sie wörtlich sagt: „Bei der Waffen-SS war ich ausschließlich als Funkerin tätig, und das war eine unpolitische Tätigkeit. Ich hatte auch niemals Gelegenheit, das mindeste Verbrechen zu begehen. Im Kommandanturstab des Konzentrationslager Auschwitz bin ich acht Wochen gewesen. Wir haben dort in einem besonderen SS-Helferinnenheim, wohl im Interessenbereich des Lagers, gewohnt, aber außerhalb des eigentlichen Konzentrationslagers. Wir haben niemals Fühlung mit den Insassen gehabt und waren niemals in die unmittelbare Bearbeitung involviert.“

 In Neumünster gab es zu der Anklage geteilte Meinungen. Für den ehemaligen Landesjustizminister Uwe Döring steht fest: „Dass diese Prozesse viel zu spät kommen, liegt daran, dass nach dem Krieg auch in Schleswig-Holstein noch viele Nazis Richter waren.“ Zeitlich wäre eine Aufarbeitung noch möglich. „Es geht nicht darum, dass ein Täter mit 91 Jahren noch eine Strafe absitzen soll, sondern darum, Schuld festzustellen.“ Und um zu zeigen: „Es waren nicht einige wenige, sondern viele Beteiligte.“ Ingo Schumann vom Bündnis gegen Rechts hatte selbst Recherchen in dem Fall angestellt: „Wenn die Frau Verbrechen begangen hat, muss das aufgearbeitet werden.“ Henning Möbius, Vorsitzender des Runden Tisches für Demokratie und Toleranz, meinte: „Dass man alte Menschen damit nicht mehr belasten darf, ist Kappes. Wenn so viele unter ihr gelitten haben, als sie in Saft und Kraft stand, dann muss das aktenkundig und öffentlich gemacht werden.“ Diese Dinge dürfe man nicht unter den Teppich kehren, erklärte auch Willi Treetzen, Kreisvorsitzender des Bundes der Vertriebenen: „Das muss vor Gericht verhandelt werden, auch wenn ein Urteil aus Altersgründen möglicherweise nicht mehr vollstreckt wird.“ Die deutsche Vergangenheitsproblematik dürfe angesichts des aktuell positiven Klimas für die Flüchtlinge nicht vergessen werden.

 Anderer Meinung ist Brigitte Profé, Vorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen: „Ich finde es nicht richtig, dass Anklage erhoben wird. Das war damals so wie früher in der DDR, man musste mit dem Strom schwimmen. Wer etwas dagegen gesagt hätte, wäre selbst im KZ gelandet.“ Herbert Möller, Neumünsters langjähriger CDU-Chef mit Wurzeln im Sudetenland, bezweifelte, „ob es richtig ist, Anklage zu erheben gegen einen so alten Menschen, der womöglich nicht mehr bei geistiger Kraft ist. Der Staatsanwalt, der die Anklage erhebt, werde vieles mit sich selbst abmachen müssen. „Ich würde es nicht tun und möchte auch nicht in der Rolle des Richters sein“, so Möller.

Günter Schellhaseund Sabine Nitschke

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Landgericht Kiel
Foto: Die 91 Jahre alte Frau soll in ihrer Funktion als Funkerin in Auschwitz bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben.

Die Frau lebte unbehelligt in Schleswig-Holstein. Jetzt holt sie die Vergangenheit ein. Eine jetzt 91-Jährige soll in Auschwitz Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen sein. Gegen sie wurde Anklage wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen erhoben.

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