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Der Lärm bleibt unterm Deckel

A7 bei Hamburg Der Lärm bleibt unterm Deckel

Ostwind ist gut. Und zugleich schlecht. Denn bei Ostwind ist das Wetter schön. Doch wenn Jens Hagen in Hamburg-Schnelsen im Sommer draußen vor seinem Haus sitzt, hört er die Autobahn. Der Wind weht den Lärm herüber.

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Hier soll bald ein Deckel mit Begrünung die A7 verhüllen und den von der Autobahn durchtrennten Stadtteil Schnelsen wieder verbinden. 753 Bohrpfähle sind bereits als Fundament in den Boden gerammt worden, darauf werden nun die Seitenwände errichtet.

Quelle: Sonja Paar

Hamburg. „Dabei wohne ich eineinhalb Kilometer entfernt. Aber laut ist es dann trotzdem“, sagt er. Der Hamburger steht an diesem Vormittag mitten auf einer provisorischen Fußgängerbrücke, die quer über die A7 gespannt ist. Auf der einen Seite rauscht direkt unter ihm der Verkehr nach und von Schleswig-Holstein. Auf der anderen Seite wird unter seinen Füßen gehämmert, gebohrt, malocht. Die Baustelle zieht Hagen magisch an, er kommt oft hierher und sieht von oben den Arbeitern zu. Kein Wunder, denn im Zuge des A7- Ausbaus vom Hamburger Dreieck Nordwest bis hin zum Dreieck Bordesholm in Schleswig-Holstein ist die Stelle derzeit eine der spannendsten.

 In Schnelsen baut das zuständige Konsortium einen der drei sogenannten „Hamburger Deckel“, mit denen die auf sechs Spuren erweiterte Autobahn nach oben hin verschlossen wird. „Gemessen an der Ingenieurskunst ist es bei dem Ausbau sicherlich das Highlight“, sagt der Sprecher von Via Solutions Nord, Christian Merl. Denn mit der Fertigstellung des Deckels verschwindet in diesem Teilbereich die viel befahrene Reiseroute für 550 Meter aus dem Stadtbild – und damit auch – so ist es geplant – der Verkehrslärm. Denn Autofahrer aus und in Richtung Norden fahren künftig an dieser dicht besiedelten Stelle durch einen Tunnel. In den vergangenen Tagen sind die ersten Betonseitenwände gegossen worden. Bereits im September beginnt die Montage der ersten Dachelemente. Verläuft alles nach Plan, fließt der Verkehr bereits im Herbst 2017 durch die erste von insgesamt zwei Röhren. Das komplette Bauwerk soll Ende 2018 fertig sein.

Anwohner können es kaum erwarten

Die lärmgeplagten Anwohner können es kaum erwarten. „Es ist gut, dass der Deckel kommt“, sagt eine Frau, die mit ihren Einkaufstüten über die Fußgängerbrücke spaziert. „Dann wird es hier endlich ruhiger.“ 152000 Autos, Lkws und Busse brettern täglich an den anliegenden Häusern vorbei. Experten gehen davon aus, dass die Zahl in den kommenden zehn Jahren auf 165000 steigen wird. Der Tourismusboom im Norden lässt grüßen.

 Wie eine Schneise durchtrennt die A7 den Stadtteil Schnelsen. Einst wurde hier beim Bau die Fahrbahn fast sechs Meter tief in die Erde gefräst. Entlang des Abgrunds ziehen sich auf beiden Seiten die Häuserzeilen – zurzeit wahrlich nicht die beste Wohnlage in Hamburg. Aber wenn der Deckel fertig ist, dürfen sich die Besitzer über eine kleine Wertsteigerung freuen. Denn auf dem Deckel soll eine Grünfläche entstehen und den durchtrennten Stadtteil wieder miteinander verbinden. „Das einzige, was man dann hier noch hört, sind spielende Kinder“, verspricht Merl eine rosige Zukunft.

Foto: Visualisierung des Hamburger Deckels.

Visualisierung des Hamburger Deckels.

Quelle: Copyright DEGES

 In der Gegenwart müssen die Anwohner jedoch noch viele Monate zusätzlich zum Verkehrs- auch den Baulärm hinnehmen. 13 bis 24 Meter lange Bohrpfähle sind als Fundament in den Boden gerammt worden, insgesamt 753 Stück. Darauf werden nun die Seitenwände errichtet. Dafür werden Tonnen von Beton in die zuvor errichteten Verschalungen gepumpt. Betonmischer pendeln pausenlos zwischen Werk und Baustelle. Verstärkt werden die Wände durch eine Stahlbewehrung, die ein Bautrupp von Hand zuvor verflechten muss. „Das ist schwere Männerarbeit“, brüllt Isah Pireva, 43, braun gebrannt, der Vorarbeiter des Trupps.

Nicht immer verläuft alles reibungslos

 Der verwendete Beton ist eine Sonderanfertigung, sogenannter Faserbeton. Nach Unternehmensangaben ist es das erste Mal, dass er in Norddeutschland verbaut wird. „Ein Jahr haben wir daran getüftelt“, sagt Dieter Beck, Chef des Betonwerks Cemex. Das Besondere: Es werden Kunststofffasern beigemischt. Im Brandfall sollen sie schmelzen. Dadurch entstehen kleine Lücken, in die sich der Beton bei großer Hitze ausdehnen kann. Das garantiere, so die Planer, auch im Unglücksfall die Standfestigkeit des Gebäudes. Die Mischung muss dabei stimmen. Deswegen wird jede neue Lieferung getestet, wenn sie an der Baustelle ankommt.

 Zuständig dafür ist unter anderem Dirk Wrobel. Der Mitarbeiter vom Heide Baulabor sitzt in seinem Wagen, direkt vor der Betonpumpe. Auf einem Klemmbrett notiert er gerade die Werte der letzten Probe. „Alles gut“, sagt er. Bislang habe er noch keine Fuhre zurückgehen lassen müssen.

 Trotzdem verläuft im täglichen Geschäft natürlich nicht immer alles reibungslos auf der Baustelle. Bei aller Freude über die Aussicht auf den neuen Lärmschutz – wegen der andauernden Baumaßnahmen reagiert der eine oder andere Anwohner mitunter doch genervt. Mal sind es die gesperrten Zufahrtsstraßen, mal die wackelnden Bildschirme im Büro während der Bohrphase die Anlass zur Beschwerde geben. „Wir nehmen das sehr ernst und versuchen, Abhilfe zu schaffen“, sagt Unternehmenssprecher Merl. Oftmals ginge es nur darum, kurzfristig ein bisschen Dampf abzulassen. Den meisten sei ohnehin klar, dass sich das Problem mittelfristig erledige.

 Aus Sicht des Unternehmenssprechers lohnt der ganze Aufwand. Die Rechnung: Ohne Deckel keinen Lärmschutz. Und ohne Lärmschutz keine Genehmigung für die durchgehende Erweiterung auf sechs Spuren. Nun sorge der Autobahnausbau dafür, dass in Zukunft der Verkehr nördlich des Elbtunnels besser fließe. „Das ist nicht nur für die Hamburger gut“, sagt Merl. „Das ist auch ein Segen für die Schleswig-Holsteiner.“

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