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Ein Lotse für junge Migranten

Kiel/Neumünster Ein Lotse für junge Migranten

Emrullah Bertizlioglu ebnet Migranten den Weg in Schule, Ausbildung und Beruf. Saman Serbest und Kaymet Kadir gehören zu den ersten, die von der neuen Anlaufstelle „Ausbildung und Integration für Migranten“ (AIM) in Kiel profitieren.

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„Ist die Bewerbung korrekt?“, will Kaymet Kadir (li.) von Emrullah Bertizlioglu wissen. Im Projekt „Ausbildung und Integration für Migranten“ weiß der 38-Jährige auch hier eine Antwort.

Quelle: Frank Peter

Kiel/Neumünster. Eltern, die finden, dass Mädchen keinen Beruf brauchen. Azubis, die sich mit ihrem Chef überworfen haben. Jungen, die die Schule abbrechen wollen. Das sind Fälle für den Mann mit dem komplizierten Namen: Emrullah Bertizlioglu ebnet jungen Migranten aus der Region Kiel/Neumünster den Weg in Schule, Ausbildung und Beruf. Saman Serbest und Kaymet Kadir gehören zu den ersten, die von der neuen Anlaufstelle „Ausbildung und Integration für Migranten“ (AIM) in Kiel profitieren.

 Das Problem ist bekannt: Jugendliche mit Migrationshintergrund absolvieren nicht einmal halb so oft eine Berufsausbildung wie deutsche Jugendliche. Ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung landen die meisten im Niedriglohnsektor, in der Arbeitslosigkeit oder als Ehefrau ohne Chance auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und eigene Rente. Die Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern ist dreimal so hoch wie unter Deutschen. Dabei sind die Arbeitslosen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass noch gar nicht erfasst.

 „Die Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit und geringe Ausbildungsquote sind vielfältig. Wir steuern seit 1998 dagegen, indem wir etwa Firmen von Migranten helfen, Ausbildungsplätze einzurichten. Migranten bilden immer noch viel weniger aus als deutsche Firmenchefs, oft aus Unwissenheit oder aus Angst vor der Bürokratie“, sagt Cebel Küçükkaraca, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde. Das Projekt AIM von der Türkischen Gemeinde und dem Kieler Bildungsministerium geht aber weit darüber hinaus: Es werden nicht nur Betriebe, sondern die jungen Menschen selbst, ihre Eltern, Lehrer und Ausbilder beraten und begleitet – Nachsorge inklusive.

 Seit drei Monaten ist Emrullah Bertizlioglu das Gesicht für AIM in Kiel und Neumünster. An diesem Tag sitzt er in der neuen Anlaufstelle direkt am Vinetaplatz in Kiel-Gaarden und berät Kaymet Kadir. Die junge Frau aus Bulgarien hat vor drei Wochen über Mund-zu-Mund-Propaganda von AIM gehört. „Ich war überrascht, dass es so eine Hilfe gibt“, sagt die 23-Jährige, die noch bei Verwandten lebt, aber so schnell wie möglich auch finanziell auf eigenen Füßen stehen will. „Das ist aber schwer in einem fremden Land“, sagt sie und meint damit nicht nur die fremde Sprache, sondern auch das deutsche System. „Man muss soviel wissen. Allein ist es wie im Dschungel. Du findest nicht den Weg.“

 Bertizlioglu will deshalb vor allem ein Lotse sei. „Ich bin zwar Diplom-Kaufmann“, sagt der 38-Jährige mit türkischen Wurzeln, „aber im ersten Gespräch versuche ich erst einmal, den jungen Leuten Mut zu machen. Ich sage ihnen: Du kannst das schaffen, wenn du dich anstrengst und bestimmte Regeln einhältst. Und du bist dabei nicht allein.“ Kaymet Kadir, die in Bulgarien eine Ausbildung zur Masseurin gemacht hat und in Kiel zurzeit einen B2-Sprachkurs absolviert, hat unter Anleitung von Bertizlioglu schnell einen Praktikumsplatz gefunden. Sie hofft, dass sie sich bewährt und später eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machen kann.

 Saman Serbest ist dank AIM schon einen Schritt weiter. Der 22-jährige Kurde flüchtete vor sechs Jahren aus dem Irak. „Ich bin quasi im Krieg aufgewachsen. Die Schule musste oft ausfallen.“ In Deutschland hat er trotzdem die Fachhochschulreife geschafft. Nun will Saman zur Polizei. Gerade hat er seine Bewerbung abgeschickt – für 2017. Denn erst einmal absolviert er einen Bundesfreiwilligendienst. Auch ein Verdienst von AIM.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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