21 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Ärzte und Helfer im Dauereinsatz

Erstaufnahme Ärzte und Helfer im Dauereinsatz

Es ist stickig und heiß. Dicht gedrängt warten Dutzende Flüchtlinge auf den Besuch beim Arzt. Beim Ärztlichen Dienst des DRK in der Erstaufnahme der Stadt Neumünster stehen die Menschen Schlange. Und trotzdem müssen sie oftmals Wochen auf einen termin beim Arzt warten.

Voriger Artikel
Mit einer Wendeltreppe Mathe lernen
Nächster Artikel
Lebenslang für Mord an Lübecker Rentner

Arzthelferin Amelie Schumann (24) nimmt einem Syrer Blut ab, um den Impfstatus zu klären. Dolmetscher Sirwan Baban (46) hilft bei der Verständigung.

Quelle: Frank Peter

Neumünster. Aufgeregtes Stimmengewirr schwirrt durch den Raum. Nur vereinzelt sitzen Menschen tief versunken auf ihrem Platz. Ein Mann vom Sicherheitsdienst hilft im Eingangsbereich. Erst wenn wieder Platz im Wartezimmer ist, dürfen weitere Menschen hinein. Draußen vor der Tür hat sich bereits eine Schlange gebildet. Wir sind beim Ärztlichen Dienst des DRK in der Erstaufnahme der Stadt Neumünster.

 „Heute haben wir keinen Hochbetrieb“, sagt Dr. Hilmar Keppler und lässt uns hinein. „Wir müssen seit Kurzem einen Sicherheitsdienst einsetzen, weil wir befürchteten, dass uns die Scheiben der Anmeldung eingedrückt werden.“ Alle Flüchtlinge, die hier aufgenommen werden, brauchen vor der Zuweisung ihrer endgültigen Unterkunft bei den Gemeinden eine Registrierung und einen ersten Medizincheck. Letzteren bekommen sie unter anderem bei Keppler und seinem Team. „Achtung, Achtung“, ruft jemand hinter uns. „Der Mann hat eine Kopfverletzung.“ Vorsichtig schiebt ein Mitarbeiter einen Jugendlichen mit einem großen Kopfverband an den anderen Wartenden vorbei.

 „Das Spektrum der zu behandelnden Patienten ist äußerst weit“, berichtet Keppler und nimmt uns mit in den ruhigeren Bereich, wo vier Behandlungszimmer, Funktionsräume, Wartebereiche und Labore sind. „Wir haben hier im Schnitt nur zwei bis drei Prozent schwere Erkrankungen.“ Das entspreche den Erfahrungswerten einer normalen Praxis für Allgemeinmedizin. Allerdings sei die absolute Anzahl von Schwersterkrankungen sehr hoch. An seinem Computer öffnet er ein Säulendiagramm. „Schauen Sie“, sagt er. „2012 haben wir 5384 Flüchtlinge betreut. Im ersten Halbjahr in diesem Jahr waren es allein schon 15000.“

 In Schnitt behandeln hier vier Ärzte und sechs Helfer 180 bis 250 Menschen täglich. Von 8.30 bis 17 Uhr sind sie im Dauereinsatz. Die eine Hälfte sind Menschen, die erstmals untersucht werden, die andere Akutpatienten. Die meisten kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. „Wir haben hier die Qual der Zahl“, sagt Keppler. „Zum Glück ist das Landesamt für Ausländerangelegenheiten der Kostenträger. Wir arbeiten ohne Budgetierung nach Fachwissen und Gewissen.“ Alle Untersuchungsergebnisse von der Blutabnahme bis zur Stuhlprobe werden im Computer dokumentiert. „Im Schnitt müssen unsere Gäste zwei bis vier Wochen in der Erstaufnahmestelle verbleiben, bis sie ihren Medizincheck haben. Mit steigender Tendenz.“

 Dass sich Patienten nicht untersuchen lassen wollen, hat Hilmar Keppler noch nicht erlebt. Großen Anteil daran haben auch die Dolmetscher vor Ort. Der Kieler Murat Kaya betreibt eine Dolmetscheragentur für Schleswig-Holstein. Rund 100 Fachleute hat er für alle nur erdenklichen Sprachen in seiner Datenbank. „Es sind fast alles selber Flüchtlinge“, erzählt der Mann, der vor 20 Jahren aus der Türkei kam. „Eine Geste, ein falsches Wort oder ein Blick können das Vertrauen sofort zerstören. Da muss man sehr behutsam vorgehen.“ Über den Chat-Dienst WhatsApp informiert Kaya sein Team über Einsatztermine, die oft auch mitten in der Nacht liegen. „Not kennt keine Tageszeit“, sagt er und verschwindet im Behandlungszimmer. Der nächste Flüchtling wartet.

 Schloss Salzau öffnet Türen für 300 Migranten

Auf dem Gelände des ehemaligen Landeskulturzentrums in Salzau werden am Sonnabend die ersten Flüchtlinge erwartet. Das teilte das Land dem Amt Selent/Schlesen und der Gemeinde Fargau-Pratjau mit. Christian Pagel, Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes Plöner Land und Koordinator der Flüchtlingsbetreuung, rechnet mit etwa 300 Personen.

 Da momentan nur 180 Betten zur Verfügung stehen, sollen Bundeswehr und Polizei heute 100 zusätzliche Doppelstock-Betten aufbauen. Mitarbeiter des Gebäudemanagements Schleswig-Holstein waren gestern damit beschäftigt, die Betriebstechnik in den seit Jahren leerstehenden Räumen des Salzauer Schlosses und der angrenzenden Nebengebäude wieder hochzufahren. Am Sonnabend werden ab 7 Uhr morgens gut 40 Hilfskräfte der DRK Katastrophenschutz-Bereitschaft im Einsatz sein. Dazu werden Polizei und Sicherheitspersonal sowie Behörden-Mitarbeiter erwartet. „Wir haben noch keine Informationen zur Verweildauer der Einzelpersonen und Familien und wissen bislang auch nicht wie viele Transit-Flüchtlinge kommen“, erklärte Pagel. Salzau werde ein „nicht klassisches Erstaufnahmelager.“ Während die Flüchtlinge die Schlossräume beziehen, werden die Einsatz- und Hilfskräfte in den Nebengebäuden untergebracht. Das Betreuungskonzept sieht auch die Einrichtung eines kleinen Kindergartens vor, für den man laut Pagel noch dringend „großes Spielzeug“ benötige. Auch ein Freizeit- und Aufenthaltsraum für die Erwachsenen ist geplant. „Nichts ist schlimmer als Langeweile und daraus resultierende Aggressionen unter den Flüchtlingen“, so Pagel. In Eutin im Nachbarkreis Ostholstein sei zudem eine sehr gut ausgestattete Kleiderkammer eingerichtet, auf die man rund um die Uhr zurückgreifen könne. Die Landesliegenschaft Schloss Salzau ist die erste zentrale Gemeinschafts-Notunterkunft für Flüchtlinge im Kreis Plön.

Von Christoph Kuhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Das THW-Magazin

Erfahren Sie mehr!
Einblicke hinter die
Kulissen des THW-Kiel

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Ärztliche Untersuchungen
Foto: Ein falsches Wort kann das Vertrauen sofort zerstören: Ärztin Tatjana Malinin (43) im Patientengespräch.

Mediziner im Land schlagen Alarm: Bis zu vier Wochen und mehr müssten Flüchtlinge warten, bis sie das erste Mal von einem Arzt untersucht werden. „Und die Tendenz steigt noch“, warnte Dr. Hilmar Keppler, leitender Arzt in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3