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Zu gebrechlich? Kreuzfahrt ohne Rentner

Aida Zu gebrechlich? Kreuzfahrt ohne Rentner

Josef Nehls war schon am Nordkap, als er noch jung und rüstig war. Als alter Mann wollte er das spektakuläre Felsplateau im Eismeer Norwegens ein weiteres Mal bewundern. Doch aus der Traumreise wurde ein Albtraum mit hohem finanziellem Verlust. Die Kreuzfahrcrew schickte den Rentner nach Hause.

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Von Kiel aus fuhr die „Aidacara“ in diesem Jahr mehrfach ans Nordkap. Am 25. Juli wollte auch Alfred Nehls dabei sein.

Quelle: Frank Behling

Bad Oldesloe. Es sollte Josef Nehls letzte große Urlaubsfahrt sein. Zurück blieb das ungute Gefühl, dass nicht alle Kunden First Class behandelt werden. Die Crew der „Aidacara“ schickte den 86-Jährigen aus dem schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe wieder nach Hause. Was war geschehen?

Der Rentner hat genug gespart, um sich eine teure Reise leisten zu können. Er bittet Hans Volkmann (Name auf seinen Wunsch geändert), der im Haus gegenüber wohnt, um Hilfe. Der 52-jährige Nachbar wendet sich nach eigenen Angaben an seine Schwester, die in einem Reisebüro in Düsseldorf arbeitet. Kreuzfahrten der Aida Cruises sind häufig Monate im Voraus ausverkauft. „Weil preiswertere Plätze schon weg waren, bot meine Schwester eine Kabine mit Meerblick an“, berichtet Volkmann. Kosten für die Doppelkabine: 5273 Euro. Nehls bucht die Reise am 27. Dezember 2014. So weit so normal.

Sie hielten die Mitnahme für zu riskant

Am 25. Juli 2015 bricht er auf. „Alfred ist nicht mehr richtig gut zu Fuß, hat aber seinen Rollator nicht mitgenommen. Trotzdem ist er ohne Probleme mit seinem Köfferchen, das er selbst gepackt hat, allein mit der Bahn von Bad Oldesloe nach Kiel gefahren“, sagt Volkmann. In Kiel checkt der 86-Jährige auf der „Aidacara“ ein, wird von Crew-Mitgliedern begrüßt und bezieht seine Kabine. Nach Volkmanns Wiedergabe von Nehls’ Bericht fällt einem Steward der Gesundheitszustand des betagten Gastes auf. „Er kündigte an, den Kapitän zu informieren, weil der die Verantwortung trägt und entscheiden muss, wen er mitnimmt und wen nicht.“ Laut Volkmann befinden Schiffsführer und -arzt den alten Mann für reiseuntauglich. In einem Bordrestaurant hätten sie ihn aufgesucht und angewiesen, von Bord zu gehen. Eine Untersuchung habe es nicht gegeben. „Als Grund nannten sie den Gesundheitszustand, dass er allein und ohne Rollator reist. Sie hielten die Mitnahme für zu riskant.“

Der Pensionär packt seinen Koffer und fährt wieder heim – ohne Betreuung. „Plötzlich ist Alfred wieder da gewesen“, erinnert sich der Nachbar. „Er sagte: ,Die haben mich nicht mitgenommen. Ich bin zu wacklig auf den Beinen.’ Alfred war völlig deprimiert und verstand die Welt nicht mehr.“

Formal korrekt vorgegangen

Tatsächlich ist das Unternehmen korrekt vorgegangen – jedenfalls formal. Die Crew entscheidet nach eigenem Ermessen. Aida Cruises weist in den Geschäftsbedingungen darauf hin, dass ein Passagier zu jeder Zeit der Reise von Bord geschickt werden kann, wenn „der geistige oder körperliche Zustand“ so ist, dass eine „Gefahr für den Kunden selbst oder jemanden sonst an Bord“ besteht. Das gilt auch für den Fall „einer besonderen Betreuung des Gastes, die über die vertraglich vereinbarten Leistungen“ hinausgeht und der Kunde allein reist. „Für eventuell entstehende Mehrkosten steht Aida Cruises nicht ein.“

Schifffahrtsexperten halten die Regelung für sinnvoll, da bei einer Havarie gerade Behinderte schneller in Lebensgefahr geraten können als Menschen ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Nehls ist alt, keine Frage. Vor kurzem – nach dem Abbruch der Reise – hatte er einen Schlaganfall. Seither kann er nicht mehr richtig sprechen, weshalb ihm Volkmann zur Seite steht.

Keine Reiseabbruchversicherung abgeschlossen

Der Nachbar des gescheiterten Nordkap-Fahrers hat kein Verständnis für die Entscheidung. „Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Alfred lebt allein, kümmert sich um alles selbst, macht jeden Tag seine Wohnung, kauft für sich ein.“ Vor dem Schlaganfall sei es dem alten Mann deutlich besser gegangen.

Nehls hat faktisch keine Chance, die Stornogebühren abzuwehren. Er hatte eine Reiserücktritts-, aber keine Reiseabbruchversicherung abgeschlossen. Da er bereits an Bord war, galt die gebuchte Reise als angetreten – und die Rücktrittsversicherung griff nicht mehr. „Aus Kulanzgründen“ wolle Aida Cruises Nehls 50 Prozent des Reisepreises erlassen, teilte Aida-Sprecher Hansjörg Kunze nun mit. Zunächst hatte die Reederei noch 3509,35 Stornogebühren in Rechnung gestellt, den Betrag aber nach Beschwerden des Rentners gesenkt.

Von Thomas Schmoll

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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