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Der weite Weg zurück zur grünen Wiese

Akw Brunsbüttel Der weite Weg zurück zur grünen Wiese

Das Kernkraftwerk Brunsbüttel wird wegen des deutschen Atomausstiegs zurückgebaut. So die Theorie. Wie sie umgesetzt werden soll, ist indes ziemlich offen. Der Verbleib des Bauschutts ist ungeklärt, der Zeitplan allenfalls vage. Akw-Gegner stemmen sich sogar gegen einen Abriss.

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Das Akw Brunsbüttel ist abgeschaltet. Doch wie geht es weiter?

Quelle: Oliver Hamel

Brunsbüttel. Wer die Otto-Hahn-Straße in Brunsbüttel hinauffährt, steuert auf den mächtigen Kraftwerksblock zu und findet daneben einen vollen Parkplatz vor. Laut Akw-Betreiber Vattenfall arbeiten im Werk, das seit Juli 2007 wegen technischer Pannen runtergefahren und seit Mai 2011 dauerhaft stillgelegt ist, immer noch 350 Angestellte. Es befindet sich im „Nachbetrieb“ (siehe Kasten). Sprechen dürfen wir mit den Mitarbeitern nicht darüber, sagt Vattenfall.

 Mit Bürgern Brunsbüttels dürfen wir reden. Doch viele wollen nichts sagen. Nicht zum Akw. Eine Verkäuferin äußert: „Wir wohnen alle so nah dran, dass die meisten möglichst wenig darüber wissen wollen.“ Wer nachhakt, spürt schnell: Der Rückbau beschäftigt jeden. Auf dem Blumenmarkt an der Koogstraße sagt Betreiber Klaus Flesch, dass er früher für Atomkraft war – auch in Brunsbüttel. Doch die Katastrophe von Fukushima 2011 habe alles verändert. Jetzt will er, dass das Akw verschwindet. „Es wäre ein Alptraum, wenn es stehenbliebe. Wir befinden uns mitten im Naturpark Wattenmeer.“

 Nicht alle denken so. Viele im Ort fürchten, dass ein Abriss viel Staub aufwirbeln würde – radioaktiven Staub. Fast 1000 Bürger haben schon schriftlich Bedenken gegen den Rückbau vorgetragen, den Vattenfall Ende 2012 beantragt hat. Sie fordern einen sicheren Einschluss des Akw, bis die Radioaktivität deutlich abgeklungen ist. Das würde Jahrzehnte dauern. Den grünen Energie- und Umweltminister in Kiel, Robert Habeck, hat dieser Widerstand durchaus überrascht. „Ich glaube nicht, dass der Rückbau besser wird oder konstruktiver vorangeht, wenn man auf Zeit spielt“, erklärte er unlängst gereizt.

 Akw-Gegner gegen Akw-Abriss? Brunsbüttels Bürgermeister Stefan Mohrdiek (parteilos) findet das „kurios“. Es handele sich um „die Angst von wenigen“. Er habe aber Respekt vor den Zweifeln. Er selbst ist seit Fukushima nicht mehr frei davon. „Meine junge Tochter wird mich vielleicht mal fragen, warum wir Akws gebaut haben, ohne ihren Betrieb ganz zu Ende zu denken“, sagt er. „Ich werde ihr dann sagen müssen, dass man das früher wohl ausgeblendet hat. Das war sicher nicht so verantwortungsvoll.“ Ginge es nach ihm, würde das Werk so schnell wie möglich abgetragen, damit die Stadt die Fläche anderen Firmen anbieten kann. Mohrdieck denkt auch an die „400 bis 1000 guten Arbeitsplätze“, die verloren gehen. Das Akw brachte reichlich Gewerbesteuern. Dass sich der Haushalt der Kommune seit 2009 in Schieflage befinde, liege am Akw-Aus. „Aber der Endzustand muss grüne Wiese heißen. Ein sicherer Einschluss wäre das Schlimmste.“ Mohrdieck glaubt nicht, dass er die grüne Wiese noch erleben wird.

„Brunsbüttel ist faktisch ein Endlager“

 Offen ist nicht nur, wo das hochradioaktive Material endgelagert werden soll. Ob Gorleben, Konrad, Morsleben, Asse oder doch anderswo: Bis zur Fertigstellung eines Endlagers werden Jahrzehnte ins Land gehen. Auch für mittel- und schwach belastete Stoffe gibt es nur Zwischenlösungen, sie werden auf dem Gelände aufbewahrt. „Brunsbüttel ist faktisch ein Endlager“, sagt Mohrdieck.

 Selbst der – am Grenzwert bemessen – als „unbedenklich“ eingestufte Bauschutt ist längst zum Problem geworden. Das Akw Stade erlebt hier gerade seine Grenzen. Der Betreiber wurde über Jahre viele Tonnen „nicht gefährlichen, aber zur Beseitigung angegebenen Bauschutt“ auf der Deponie der Abfallwirtschaft Heidekreis (AHK) los. Nach Anwohnerprotesten wurde die Aufnahme gestoppt. Auf Nachfrage erklärt der AHK, dass „weiterhin keine Ablagerung vorgesehen“ ist. Ein Insider berichtet, dass es derzeit unmöglich ist, den Bauschutt in Deutschland loszuwerden. Im Kieler Energieministerium stellt man sich auf eine „erwartbar sensible Debatte“ ein.

 Vorderster Sprecher der Abriss-Gegner ist Karsten Hinrichsen vom BUND. Sein Häuschen liegt direkt am Deich. Von dort sieht man linker Hand die weiße Reaktorkuppel des Akw Brokdorf, nur 1500 Meter entfernt. Rechter Hand das Akw Brunsbüttel, keine zehn Kilometer weit weg, Richtung Westnordwest, von wo der Wind meist kommt. Ex-Meteorologe Hinrichsen (72), Akw-Gegner der ersten Stunde, lebt also zwischen seinen ärgsten Feinden. Sein Häuschen ist voll mit Nuklear-Fachliteratur aus aller Welt, auffälligen Messprotokollen, Vektorgrafiken über „Edelgasaktivitätskonzentrationen“.

 Auch Hinrichsen ist gegen einen sofortigen Rückbau. „Ich könnte mich damit abfinden, dass das Akw für wenige Generationen in den sicheren Abschluss kommt, bis die Strahlenbelastung abklingt.“ Die Gefahren seien „vergleichsweise gering“. Er fürchtet, dass Vattenfall den Rückbau möglichst billig umsetzt – und sich deshalb via Schornstein, Elbwasser und Abtransport in verantwortungsarmer Eigenregie radioaktiver Lasten entledigen wird. „Die für den Rückbau beantragten hohen Grenzwerte sprechen Bände.“ Behördliche, teils nur stichprobenartige Kontrollen reichten nicht aus, um die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten. Auch sei eine Änderung des Atomgesetzes dringend nötig, es biete „viel zu viel Spielraum“.

 Vattenfall hat noch für diesen Herbst einen Runden Tisch angekündigt. Ziel sei „Kommunikation und Information“ über den Rückbau. Man habe bemerkt, dass das Interesse daran „groß“ sei und „weiter steigt“. Brunsbüttel dürften noch viele heiße Herbste bevorstehen.

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Ein Artikel von
Oliver Hamel
Wirtschaftsredaktion

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