18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Manchmal reicht ein Kopftuch

Alltagsrassismus Manchmal reicht ein Kopftuch

Shazia Chaudhry ist eine selbstbewusste deutsche Frau. Die 24-Jährige wird Gymnasiallehrerin, schreibt gerade an ihrer Abschlussarbeit, engagiert sich für Frauenrechte, hält Vorträge über den Islam. Eine Persönlichkeit mit vielen Facetten. Doch allzu oft wird sie auf ein Kleidungsstück reduziert: das Kopftuch.

Voriger Artikel
Fehlen Gruben auf der Landesliste?
Nächster Artikel
Verbesserungen beim Zugverkehr nach Sylt

Shazia Chaudhry (24) trägt bewusst ein Kopftuch und wünscht sich mehr Offenheit in der Gesellschaft.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Dass eine Frau mit Kopftuch wie in Kiel-Dietrichsdorf von einem völlig Fremden auf offener Straße angegriffen wird, erschüttert Shazia Chaudhry. Überraschen tut es sie nicht.

 Das war nicht immer so. Damals, als sie sich als Jugendliche aus freien Stücken für ein Leben mit Kopftuch entschied, bekam sie keine negativen Reaktionen. „Die anderen waren eher verunsichert. Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Aber Anfeindungen gab es nicht“, erinnert sie sich.

 Mit dem 11. September aber erlebte sie eine deutliche Veränderung. „Die Atmosphäre hat sich deutlich verschlechtert.“ Auch wenn sie selbst noch nie tätlich angegriffen wurde, kennt sie die verächtlichen Blicke auf der Straße und abfällige Bemerkungen wie „Zieh erst mal das Kopftuch aus“. Und sie kennt Berichte von jungen Frauen, die zwei Tage ein Kopftuch tragen und denen dann aus heiterem Himmel mitten in der Bahn ins Gesicht gespuckt wird.

 Auch beim Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus registriert man einen wachsenden antimuslimischen Rassismus. „Die Abwertung von Muslimen oder Menschen, die für Muslime gehalten werden, hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.“ Oft würden die Hautfarbe, Haarfarbe oder ein Kopftuch ausreichen, um Menschen, die man nicht kennt, zu verunglimpfen, zu beleidigen, anzurempeln, wegzudrängen. Respektloses Verhalten allein aufgrund der (vermeintlichen) Religionszugehörigkeit bekämen auch Migrantenkinder zu spüren – von Mitschülern, aber auch von Lehrkräften, berichtet Charlotte Sauerland vom Beratungsnetzwerk. Erst kürzlich habe ein Schüler gesagt: „Ich hasse Moslems.“

"Mehr aufklären"

 Shazia Chaudhry will diese Entwicklung nicht tatenlos hinnehmen. „Wir muslimischen Frauen sind selbst gefragt, wir müssen mehr aufklären.“ Die 24-Jährige bietet deshalb Vorträge zum Thema Frauen im Islam an. „Das Interesse daran ist riesig. Es gibt vor allem zwei Gruppen: die, die wirklich mehr erfahren wollen, und die, die nur ihre Vorurteile bestätigt sehen wollen.“ Und oft werde dabei das Kopftuch ins Feld geführt. „Das Kopftuch hat eine so negative Konnotation bekommen, es ist Symbol für alles Negative, das dem Islam zugeschrieben wird.“

 Das hat Shazia Chaudhry erst kürzlich auf der Kieler Woche erlebt. Bei einem Workshop bat sie eine Schulklasse, aufzuschreiben, was ihnen zu einem Foto von einer Frau mit Kopftuch einfällt. Ein Junge schrieb nur ein einziges Wort: Unterdrückung. „Er hatte noch nie mit einer Frau mit Kopftuch gesprochen, war aber überzeugt, dass all diese Frauen unterdrückt sein müssen. Auf die Frage, warum er das glaube, meinte er, das würde in den Medien gesagt.“

 Es geht um eine Grundsatzfrage. „Wir leben zum Glück in einem demokratischen System, das uns alle Freiheiten gibt, solange wir andere damit nicht in ihren Rechten verletzen. Niemand würde mir das Recht absprechen, einen Minirock zu tragen. Aber wenn ich es ablehne, einen Minirock zu tragen, gerate ich unter Rechtfertigungsdruck. Obwohl das wie das Kopftuch sicher niemanden in seiner Freiheit einschränkt.“

 Shazia Chaudhry lässt sich davon nicht einschüchtern, andere Muslime schon. Beim Antidiskriminierungsverband hält man die Reaktion der angegriffenen Frau in Dietrichsdorf für die große Ausnahme. „Das heißt aber nicht, dass es nicht anderen passiert. Sie erleben aber ein zunehmend islamfeindliches Klima und haben das Vertrauen ins System verloren“, sagt Vorstandsmitglied Hanan Kadri. Sich mit einer Anzeige zu wehren, davon erwarten sich diese Frauen offenbar nichts Positives mehr.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
THW-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele vom THW Kiel in unserem Liveticker.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Vinetaplatz Gaarden
Foto: Orhan Cerrah klagte bei der Kundgebung auf dem Vinetaplatz über zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland.

Weitaus weniger Menschen als von den Veranstaltern erwartet haben an diesem Sonnabend auf dem Vinetaplatz im Stadtteil Gaarden für religiöse Toleranz und gegen Gewalt demonstriert. Angemeldet waren 2000 Teilnehmer, tatsächlich waren es dann allenfalls 150.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3