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Alois Hiller oder Herr Hitler aus Fuhlsbüttel

Halbbruder Alois Hiller oder Herr Hitler aus Fuhlsbüttel

Claus Grünewald (87) aus Hamburg-Fuhlsbüttel ist es gewöhnt, dass man ihn nach seinem Vormieter fragt: dem Herrn Hitler, der sich in Hiller umbenannt hatte und bis 1956 das Leben eines unbescholtenen Mannes zu führen versuchte. Bloß: Geht das überhaupt, als Halbbruder von Adolf Hitler?

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Alois Hitler telefoniert im Oktober 1945 in seinem Hamburger Haus. Zuvor lebte er als Gastronom in Berlin. Das Lokal hatte er von einem jüdischen Besitzer übernommen.

Quelle: Getty / BpK / Keystone

Hamburg. „In der Straße hat den niemand für voll genommen“, sagt Claus Grünewald. Er hat den Bruder des Diktators selbst nie gesehen. „Nur einmal seine Frau.“ Viele Beamte wohnten im Viertel, sehr ordentlich ging es dort zu. Der Alois Hiller? „Der hatte doch eine Macke“, habe sein Nachbar aus der anderen Haushälfte mal zu ihm gesagt, erinnert sich Grünewald. „Weil der in kurzen Hosen Rad gefahren ist und so.“ Spuren hätten der Halbbruder Hitlers und seine Frau keine hinterlassen. „Die spielten hier keine Rolle.“

 Doch in der Vita des Sonderlings Hiller gab es dunkle Stellen. Das hat jetzt der Hamburger Hans-Peter de Lorent (67) untersucht. In seinem Buch „Täterprofile“ (erhältlich bei der Landeszentrale für Politische Bildung Hamburg) beschreibt er Schicksale belasteter Hamburger, die sich nach dem Krieg als Biedermänner tarnten.

Eine Tracht Prügel für Streiche

 „Alois Hitler war der ältere Halbbruder Adolf Hitlers aus der zweiten Ehe des Vaters.“ Adolf Hitler stammte aus der dritten Ehe mit Klara Pölzl. „Sie zog den eigenen Sohn vor“, sagt de Lorent. „Mit seinem Bruder verstand Alois sich nicht, zumal er gelegentlich Prügel für dessen Streiche bezog.“

 Alois Hitler verließ mit 14 Jahren das Elternhaus, wurde wegen Diebstahls verurteilt, jobbte als Kellner in Linz, dann in Dublin und Liverpool. Wiederholt wurden ihm Diebstahl und Hochstapelei vorgeworfen. Er heiratete eine Irin, bekam einen Sohn namens Patrick. 1915 verließ er beide, ging zurück nach Hamburg. Dort betrieb er einen Rasierklingenhandel und züchtete Hühner. Und er heiratete – mit gefälschten Papieren – erneut: Hedwig Mickley, mit der er 1920 ebenfalls einen Sohn hatte: Heinrich Hitler. 1924 wurde Alois Hitler wegen Bigamie angeklagt.

Alois - Beliebter Treffpunkt für SA- und SS-Größen

 1927 ging er nach Berlin und arbeitete wieder in der Gastronomie. 1937, nachdem sein Bruder an der Macht war, übernahm er von einem jüdischen Vorbesitzer ein Lokal am Wittenbergplatz, das er „Alois“ nannte. „Es wurde zu einem beliebten Treffpunkt für SA- und SS-Größen“, so de Lorent, der davon ausgeht, dass Alois beim Ankauf finanziell von höherer Stelle unterstützt wurde. Zumindest vorübergehend war Alois Hitler NSDAP-Mitglied, Zeugen erinnerten sich, dass er das Parteiabzeichen am Revers trug. Seine dritte Frau Erna, geborene Mach, war Geschäftsführerin des „Alois“ – und laut de Lorent „mit dem goldenen Parteiabzeichen dekoriert“. Um mehr Platz zu haben, betrieben beide die Kündigung jüdischer Hausbewohner. Seinen Sohn schickte Alois Hitler auf eine nationalpolitische Erziehungsanstalt. Heinrich kam 1942 in Russland um.

 1945 flüchtete das Ehepaar in einem Lkw der SS nach Hamburg. Dort behauptete Erna Hitler, dass „absolut keine Verbindung irgendwelcher Art zu Adolf Hitler bestanden hat“. Die Änderung des Nachnamens in Hiller wurde gestattet. Um finanziell über die Runden zu kommen, schob Alois Hiller Trolleys am Flughafen. Er starb 1956 in Hamburg.

Von Markus Stöcklin

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