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„G8 ist kein Schicksal, das man erleidet“

Antwortbrief einer Lehrerin „G8 ist kein Schicksal, das man erleidet“

Der Vorstoß der Nord-CDU, das Abitur nach acht Jahren (G8) abzuschaffen und zum neunjährigen gymnasialen Bildungsgang (G9) zurückzukehren, sorgt für zum Teil heftige Diskussionen. Ein weiterer Brief aus der Lehrerschaft.

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„Wir haben uns G8 nicht ausgedacht, aber wir haben an unserer Schule G8 als Aufgabe angenommen“: Katharina Herwig ist Lehrerin am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Preetz und Mutter einer Sechstklässlerin, die ein Kieler G 8-Gymnasium besucht.

Quelle: Sonja Paar

Die Meinungen sind geteilt. Nachdem uns eine Lehrerin in der vergangenen Woche geschildert hat, welche grundsätzlichen Probleme sie beim Turbo-Abi sieht, schreibt nun ihre Kollegin Katharina Herwig, ebenfalls Lehrerin am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Preetz:

"Ich erlebe G8 aus zweierlei Sicht: erstens als Mutter einer Schülerin der 6. Klasse an einem G8-Gymnasium, zweitens als Lehrerin an einem G8-Gymnasium. Mein Erleben von G8 als Mutter: Meine Tochter ist Schülerin an einem Kieler Gymnasium, und sie geht gern zur Schule. Sie freut sich, ihre Freundinnen in der Schule zu treffen, sie freut sich auf ihre Lieblingsfächer und erträgt geduldig die Fächer (oder LehrerInnen), die sie nicht so mag – genau wie Kinder an G9-Schulen. Sie macht zuverlässig ihre Hausaufgaben, sitzt aber nicht länger als ich früher als G9-Schülerin daran. Dafür bleibt ihr genügend Zeit, dreimal pro Woche zum Sport zu gehen, neben dem Erlernen eines Instrumentes in der Bläserklasse auch noch das Gitarrespielen zu lernen, einen Fantasyroman nach dem anderen zu verschlingen und – nicht zu vergessen – ausgiebig am Computer zu daddeln. Im Übrigen kann sie auch Englisch und Französisch problemlos auseinanderhalten.

Mein Erleben von G8 als Lehrerin: Ich bin Lehrerin am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Preetz – genau an dem Gymnasium, an dem meine G8-kritische Kollegin arbeitet – , und ich bin über ihren Artikel entsetzt, und das in mehrerlei Hinsicht. Ich lerne jeden Tag ein ganz anderes Bild kennen: SchülerInnen, die kichernd in den Lernecken sitzen, weil sie neben ihren Aufgaben natürlich auch das Neueste vom Wochenende erzählen. Schallendes Gelächter im Lehrerzimmer und KollegInnen, die entsprechend gut gelaunt in ihren Unterricht gehen. Eine tolle Schulsozialpädagogin, deren Raum in der Pause voll ist mit SchülerInnen, die spielen, lachen, Karten tauschen oder „Knautschbälle“ machen. Natürlich gibt es auch mal sorgenvolle Gesichter, wenn eine Klassenarbeit ansteht, oder eine Lehrkraft, die genervt ist – aber war das bei uns, bei G9 anders?

Wir haben tolle SchülerInnen, und damit meine ich nicht die EinserkandidatInnen, sondern SchülerInnen, die sich musikalisch oder sportlich hervortun (nicht selten auch beides), SchülerInnen, die sich in der SV engagieren und viel Freizeit opfern, um anderen SchülerInnen als Paten beizustehen, Feste für sie zu organisieren oder ihre Meinung in der Schulkonferenz einzubringen. Und wir haben eine engagierte Elternschaft, die kritisch ihre Meinung einbringt und uns gleichzeitig in unseren Bemühungen unterstützt.

Ich gehe gern in meine Klassen, auch wenn die SchülerInnen manchmal laut sind, zum gefühlt 100. Mal das Klassenarbeitsheft vergessen haben oder nicht so viel Enthusiasmus für den Unterrichtsstoff aufbringen (genau wie auch G9-SchülerInnen). Ich gehe trotzdem gern in die Klassen, weil mir die Menschen, mit denen ich arbeite, lieb und wert sind. Ich erarbeite gern mit ihnen Dinge, ich lerne häufig von ihnen, und ich versuche, ihnen wichtige Inhalte und Methoden beizubringen und sie für das Leben fit zu machen – egal, ob nun in acht oder neun Jahren.

Wir haben uns G8 nicht ausgedacht, aber wir haben an unserer Schule G8 als Aufgabe angenommen, und wir haben G8 als Anlass genommen, Schule und Unterricht zu überdenken und zu verändern. Denn nicht nur der Wechsel von G9 zu G8 erfordert ein Umdenken, auch der gesellschaftliche Wandel und eine veränderte Schülerschaft erfordern ein Umdenken. Deshalb versuchen wir, individuell auf unsere SchülerInnen einzugehen, herauszufinden, wo sie stehen, was sie brauchen, ob sie gefördert oder gefordert werden müssen. Das ist nicht einfach bei über 20 Kindern pro Klasse, aber wir versuchen dies durch verschiedenste Maßnahmen: Zusammenarbeit im Klassenkollegium mit viel Austausch über einzelne SchülerInnen, eine enge Zusammenarbeit mit unserer Schulsozialpädagogin, freie Lernformen, in denen SchülerInnen individuell arbeiten können und die Raum für fördernde und fordernde Maßnahmen sowie Möglichkeiten zu individueller Beratung und Hilfe bieten. Dazu gehören auch aktuelle Fortbildungen des Kollegiums zu Inklusion und Diagnostik sowie ein Projekt zur individuellen Schülerberatung, sodass wir noch genauer auf die SchülerInnen schauen und ihnen Hilfestellung geben können.

Das alles geht natürlich nicht immer problemlos, und manchmal müssen wir unsere Maßnahmen überdenken und abändern, aber auch das ist normal und verhindert im Übrigen Stillstand. Das alles ist auch anstrengend und fordert uns Lehrkräften einiges an Engagement und Flexibilität ab, aber die Belohnung sind SchülerInnen, die mich morgens freundlich und fröhlich begrüßen, SchülerInnen, die sich über eine gelungene Arbeit freuen, Kinder, denen wir trotz manchmal schwieriger häuslicher Verhältnisse helfen können, aber auch eine entspannte und freundliche Arbeitsatmosphäre. G8 ist kein Schicksal, das man erleidet, sondern es liegt in unserer Hand, daraus etwas zu machen. Unsere Schule ist ein Ort geworden, an dem man gern ist und an dem man gern lernt. Und damit das so bleibt, arbeiten wir jeden Tag daran weiter."

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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