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Vorsicht vor halben Medikamenten

Apotheken warnen Vorsicht vor halben Medikamenten

Jede vierte Tablette, die eingenommen wird, wird vorher geteilt. Häufig, weil der Patient die ganze Tablette oder Kapsel schwer schlucken kann. Dass die Patienten damit die Wirkung beeinträchtigen können und im Extremfall ein lebensgefährliches Risiko eingehen, ist ihnen nicht bewusst.

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Ein Knacks – und die Tablette ist halbiert. Doch es besteht das Risiko, dass sich dadurch die Wirkung verändert. Und wenn Tabletten ohne Wirkungseinbußen zerteilt werden können, geht das am besten mit einem Tablettenteiler.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. „Das ist ein völlig unterschätztes Problem“, sagt Sabine Hammer, Inhaberin der Ostsee-Apotheke in Kiel. Auch Christian Stolzenburg vom Vorstand des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein kennt das Problem aus seiner Apotheke in Ellerbek bei Halstenbek. Oft steht auf den Rezepten der Ärzte nicht die Dosierung, also ob der Patient nur eine halbe oder Viertel-Tablette einnehmen soll. Oder der Patient sagt dem Apotheker nicht, dass er seine Tablette immer teilt, um sie besser schlucken zu können. „Beides sollte der Apotheker wissen. Viele Tabletten und Kapseln kann man nicht teilen, ohne die Wirksamkeit zu verändern oder unerwünschte Wirkungen auszulösen“, so Stolzenburg.

Häufig sei der Wirkstoff nicht gleichmäßig in jeder Tablette verteilt. Oder beim Zerteilen werde der Aufbau der Tablette zerstört, so dass sie unwirksam wird oder sogar einen lebensgefährlichen Zustand auslösen kann. „Es gab in den vergangenen Jahren immer mal wieder solche Fälle, vereinzelt sogar Todesfälle“, sagt Stolzenburg. Dabei ging es vor allem um sehr starke Schmerzmittel wie Morphine, die als Retardtabletten den Wirkstoff ganz langsam freisetzen. Wird die Tablettenarchitektur durch das Teilen zerstört und dadurch zu viel Wirkstoff freigesetzt, kann die Atmung des Patienten bedrohlich verringert werden.

Bei den häufig verordneten Blutdrucksenkern kann die Wirksamkeit deutlich verschlechtert werden. „Wird nur eine halbe Tablette verordnet, kann in dieser Hälfte weniger Wirkstoff als in der anderen Hälfte sein. Statt einer gleichmäßigen Blutdrucksenkung bekommt der Patient dann eine Berg- und Talfahrt des Blutdrucks.“ Ein weiteres Beispiel sind Schilddrüsenhormone: Dort ist die Dosierung zum Teil so gering, dass der Wirkstoff gar nicht gleichmäßig in der Tablette verteilt sein kann.

Der Apothekerverband rät, im Regelfall auf das Teilen von Tabletten und Kapseln zu verzichten. Ist das aus ärztlicher oder Patientensicht nicht möglich, sollte man abklären lassen, ob die Tablette überhaupt ohne negative Folge geteilt werden kann. Der Apotheker kann dies anhand der Fachinformationen überprüfen. „Manchmal lässt sich diese Frage aber auch nur durch einen Anruf beim Hersteller klären. An einem Freitagnachmittag kann es schon problematisch sein, dort überhaupt eine belastbare Auskunft zu bekommen“, sagt Sabine Hammer.

Das Argument vieler Kunden („In der Tablette ist doch extra eine Kerbe zum Teilen“) gilt auf jeden Fall nicht. Die Kerbe kann auch eine reine Schluckhilfe oder eine Markierung zur Identifikation sein. „Am Ende muss der Apotheker entscheiden. Er muss fachlich abwägen, ob er dem Patienten das Medikament in der Darreichungsform, die Arzt oder der Rabattvertrag der Kasse vorsieht, gibt oder in einer anderen Darreichungsform“, betont Dr. Thomas Friedrich, Geschäftsführer des Apothekerverbandes. Wenn ein alter Mensch zum Beispiel Schluckprobleme hat und seine Tablette nur zerteilt einnehmen kann, dann müsse ein Apotheker prüfen, ob es eine teilbare, wirkstoffgleiche Tablette gibt. Der Apotheker dürfe dem Patienten diese auch dann geben, wenn der Rabattvertrag der Kassen ein anderes Produkt vorsieht. „Der Apotheker muss die Wahl mit pharmazeutischen Bedenken begründen. Doch diese Begründung wird leider nicht von allen Kassen akzeptiert.“ Bei der Abrechnung gebe es immer wieder Probleme, aktuell in Schleswig-Holstein mit einer der großen Kassen. „Das kommt bei den Apothekern nicht gut an. Erst beraten sie und suchen die optimale Lösung für den Patienten – dann werden sie dafür bestraft.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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