17 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Litauer Autoknacker legen Geständnisse ab

Auftakt in Schleswig Litauer Autoknacker legen Geständnisse ab

Der Prozessauftakt gegen neun mutmaßliche Autoknacker aus Litauen begann mit knappen, aber umfassenden Geständnissen im Rahmen eines Deals: Geständnisse gegen Deckelung der Höchststrafe.

Voriger Artikel
Leiter der Polizeiabteilung: Studt wusste nichts
Nächster Artikel
Friesenhof: Kein Thema in Stabsrunden

Reichlich viel Betrieb im großen Sitzungssaal des Schleswiger Oberverwaltungsgerichts: Justizbeamte bewachten die Angeklagten zu Beginn des Prozesses gegen die Litauer Autoknacker-Bande.

Quelle: Wolfgang Runge

Schleswig/Kiel. Gegen die Zusage von Höchststrafen zwischen 26 Monaten und sechs Jahren Haft räumten am Montag bereits sieben Angeklagte pauschal ein, auf der Suche nach Diebesgut insgesamt rund 200 Fahrzeuge aufgebrochen zu haben.

Demnach hatten sich die 23 bis 39 Jahre alten Männer Ende 2013 zusammengeschlossen, um in Deutschland hochwertige Fahrzeuge aufzubrechen oder zu stehlen, sie mit falschen Kennzeichen in ihr Heimatland zu verschieben odr hochwertige Elektronik auszubauen. Oft fanden die Täter nur geringwertige Beute oder gingen leer aus. Der Gesamtschaden durch gewerbsmäßigen Bandendiebstahl und Hehlerei liegt laut Anklage im mittleren sechsstelligen Bereich.

 Erneut verhandelt das Kieler Landgericht aus Platz- und Sicherheitsgründen im großen Saal der Verwaltungsgerichte in Schleswig. Wie vor zehn Monaten beim Auftakt des spektakulären Mammutprozesses um brutale Raubüberfälle in Kiel und Düsseldorf wird jeder Angeklagte einzeln aus seinem Haftcontainer hinterm Justizgebäude abgeholt und vorgeführt. Doch dieses Mal ist die Verteidigung mit elf Rechtsanwälten kaum halb so stark besetzt. Die Sicherheitsvorkehrungen scheinen gelockert, die Abläufe routinierter. Im Gegensatz zu „Litauen I“, wie der Vorsitzende der 10. Strafkammer, Ralph Jacobsen, den im Juli beendeten Mammutprozess gegen die Juwelenräuber nennt, beginnt die Verhandlung reibungslos. Keine Anträge der Verteidigung, keine Besetzungsrügen, die die letzte Hauptverhandlung zum Platzen brachten, ehe sie richtig begann. Dank der Verständigung könnte es bereits Ende des Monats ein Urteil geben.

 Auf die Feststellung der Personalien der Angeklagten und der vier Dolmetscherinnen folgt die lange Aufzählung der 213 Tatvorwürfe. Die Angeklagten wirken oft gelangweilt, manche legen die Kopfhörer ab und kappen so die Verbindung zu den Dolmetschern. Zweieinhalb Stunden dauert die Verlesung der Anklage. Demnach operierte die Bande ab Ende 2013 in wechselnder Besetzung über rund 20 Monate hinweg vor allem in Schleswig-Holstein und im Raum Bremen, stieß jedoch bei Diebeszügen bis nach Süddeutschland vor.

 Die Liste beginnt mit einem Autoaufbruch am 3. Dezember 2013 in Henstedt-Ulzburg: Dort soll Nerijus M. (36), der mit 82 Tatvorwürfen zu den Hauptangeklagten zählt, neben einem 2500 Euro teuren Navigationsgerät auch ein Blackberry-Handy aus einem VW Sharan entwendet haben. Dessen fleißige Nutzung verhilft den Ermittlern später zu einem ausgeprägten Bewegungsprofil M.s und seiner mutmaßlichen Komplizen.

 Im März und April 2014 werden die Autoknacker auf einem Rangierbahnhof in Bremen fündig. Aus mehr als 80 Neufahrzeugen bauen sie hochwertige Navigationsgeräte und Airbags im Gesamtwert von rund 150 000 Euro aus. In Bremen, Achim, Verden und Krefeld öffnen sie Dutzende von Privatfahrzeugen. Mal entfernen sie Navi-Elektronik im Wert von bis zu 5000 Euro, mal geben sie sich mit CDs von Helene Fischer oder der Comedy-serie „Frühstück bei Stefanie“ zufrieden. Den dicksten Fang machen die Diebe in der 3000-Einwohner-Gemeinde Deckenpfronn (Baden-Württemberg). Dort steigen sie Mitte November 2014 in ein Einfamilienhaus ein, finden Autoschlüssel für zwei Mercedes-Fahrzeuge, fahren mit einem Van und einem Sportwagen im Wert von 213 000 Euro davon.

 Auf Diebestour durch den Nordschwarzwald brechen die Täter laut Anklage zahlreiche weitere Pkw auf, verschmähen auch nicht Kleinigkeiten wie einen Christbaumständer, ein Paket Waschmittel oder einen Sixpack Apfelschorle. Vergebens versuchen sie unterwegs, aus einem abgestellten Trecker Dieselkraftstoff abzuzapfen. Seit Juni 2015 sind die Täter wieder im Norden aktiv, hinterlassen Spuren in Quickborn und Hohenfelde (Kreis Plön). Mitte Juli schließt sich der Kreis: In Henstedt-Ulzburg werden erneut Fahrzeuge aufgebrochen und Navis entwendet. Im Oktober folgt die Festnahme im Rahmen einer Großfahndung.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3