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„Solche Leute braucht das Handwerk“

Ausbildung von Flüchtlingen „Solche Leute braucht das Handwerk“

4232 Ausbildungsplätze waren im Land im August noch unbesetzt. Auf der anderen Seite stehen arbeitslose Flüchtlinge Schlange. Viele könnten später die Fachkräftelücke füllen, wenn sie eine Ausbildung machen könnten. Doch viele Ausbildungsbetriebe zögern. Warum, das zeigt das Beispiel von Enas Issa in Kiel.

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Enas Issa (26) ist fest entschlossen: Im Oktober beginnt er die Umschulung zum Elektroniker. Dann muss er in 28 Monaten in einer fremden Sprache die Inhalte der regulär dreieinhalbjährigen Ausbildung lernen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Als Enas Issa 2014 aus Syrien nach Deutschland kam, gab es weder einen Integrations- noch einen Sprachkurs. Also lernte der junge Kurde Deutsch über das Internet. „Er hat von Anfang an selbstständig versucht, seine Situation zu verbessern“, sagt Eva Langhammer, die sich ehrenamtlich um Enas Issa kümmert. So hat der 26-Jährige allein so viel Deutsch gelernt, dass er einen Platz in einem B1-Sprachkurs bekam. Und er hat beharrlich eine Wohnung gesucht und gefunden – und zwar bewusst nicht in Mettenhof oder Gaarden. „Dort gibt es viele Menschen, die arabisch sprechen. Ich wollte da wohnen, wo ich Deutsch reden muss.“ Ein gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte.

 Denn in seiner neuen Nachbarschaft begegnet er immer wieder Albert Overath, dem Chef der Elektrofirma Voesch. „Er hat immer freundlich gegrüßt. Das ist mir aufgefallen“, erinnert sich Overath. Als Enas Issa seinen B1-Sprachkurs mit sehr gutem Erfolg beendet hat, bewirbt er sich für eine Ausbildung zum Elektroniker bei der Firma Voesch. Lieber, so erzählt er, hätte er in Deutschland weiter Betriebswirtschaft studiert. Doch sein Abitur wird hier mit einem Realschulabschluss gleichgesetzt. „Also habe ich gedacht: Ich muss eine Ausbildung machen, damit ich einen richtigen Beruf habe.“

 Doch die Firma Voesch hat bereits einen Azubi. „Und mehr als einen Auszubildenden können wir nicht schultern“, sagt Overath. Weil ihm der Flüchtling aber imponiert, ermöglicht er ihm ein Praktikum. Schnell sind sich alle in der Firma einig: Dieser junge Syrer strengt sich außerordentlich an. Deshalb möchte Albert Overath ihm unbedingt eine Chance geben. „Er hat das Zeug zu einer guten Fachkraft, ist von seiner Reife, Motivation und Selbstdisziplin vielen deutschen Bewerbern überlegen. Solche Leute braucht das Handwerk.“ Doch ein Azubi kostet nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit – vor allem wenn er noch nicht richtig Deutsch kann.

 Der Handwerksmeister und Issas Betreuerin wenden sich an das Jobcenter. Dort gibt es inzwischen Förderprogramme, um Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Doch ein Programm, das Betriebe bei der Ausbildung unterstützt, gibt es nicht. Das Jobcenter rät zu einer Umschulung. Dann erhält der Betrieb Unterstützung, muss zum Beispiel die Kosten für Prüfungen und Berufsschule nicht zahlen. Das Problem: Die reguläre Ausbildung dauert 42 Monate – bei der Umschulung muss derselbe Stoff in 28 Monaten beherrscht werden.

 „Das ist sozusagen eine G-8-Ausbildung. Sie ist für viele deutsche Azubis schon schwierig. Für Flüchtlinge, die noch Deutsch lernen, aber eine extreme Herausforderung, und das Risiko des Scheitern ist sehr hoch“, sagt Eva Langhammer. Gemeinsam mit Overath fordert sie deshalb ein Programm für die Ausbildung von Flüchtlingen: „Wir können nicht warten, bis alle genügend Deutsch sprechen. In Sprachkursen hocken die Flüchtlinge zusammen. In Pausen und der Freizeit sprechen sie ihre Heimatsprachen, weil sie keine Deutschen kennen. Erst im Arbeitsleben bekommen sie Kontakt. Erst dort geschieht die Integration schneller und effektiver als in Sprachkursen.“

 Warum aber gibt es keine Unterstützung bei der Ausbildung? „Eine Förderung des Arbeitgebers bei einer Ausbildung ist nicht vorgesehen. Ein Grund hierfür ist, dass der freie Ausbildungsmarkt geschützt werden soll“, erklärt Anne Mergner vom Jobcenter Kiel. Man fürchtet offenbar, dass Arbeitgeber dann Flüchtlinge gegenüber der einheimischen Bevölkerung bevorzugen würden. „Das kommt auf die Ausgestaltung der Förderung an“, hält Eva Langhammer dem entgegen. So könne man in die Ausbildung zunächst einen Tag einbauen, in dem der Azubi weiter Deutsch lernt. „Dementsprechend müsste sich die praktische Ausbildung natürlich verlängern. „Damit wäre diese Ausbildung für Arbeitgeber nicht attraktiver. Aber die Flüchtlinge wären schneller integriert, und das Risiko, dass sie während der Warterei auf die schiefe Bahn kommen, deutlich geringer“, ist die engagierte Kielerin überzeugt.

 Doch Enas Issa will nicht länger warten. Im Oktober beginnt er bei der Firma Voesch die Umschulung. Er weiß, dass es schwer wird. Aber er will es unbedingt schaffen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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