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Ein langes Stück Geschichte

Ausgrabungen in Oldenburg Ein langes Stück Geschichte

Seit Mitte August graben elf Kieler Studenten der Ur- und Frühgeschichte unter der Leitung von Dr. Jan Piet Brozio in Oldenburg in Holstein auf einer Grünfläche einen 5000 Jahre alten neolithischen Siedlungsplatz aus. Vor etwa einer Woche  fanden sie das längste Stück Holz, das je aus dieser Zeit in Schleswig-Holstein gefunden wurde.

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Das geht auf die Knie: Insgesamt zwölf Kieler Ur- und Frühgeschichtler bergen derzeit bei Oldenburg Funde aus der Jungsteinzeit.

Quelle: Ulf Dahl

Oldenburg. Würden Sie freiwillig neun Stunden am Tag in der Erde graben und keinen Cent dabei verdienen? Wohl eher nicht. Aber für die elf Kieler Studenten der Ur- und Frühgeschichte ist das eine blöde Frage.Natürlich machen sie das, denn sie brennen für unsere Geschichte. Vor etwa einer Woche machten sie dabei eine einzigartige Entdeckung: Sie fanden das längste Stück Holz, das je aus dieser Zeit in Schleswig-Holstein gefunden wurde. Der Balken ist drei Meter lang und dank des moorigen Untergrunds bestens erhalten.

 „Das war verdammt aufregend und ein Glücksgefühl für jeden Archäologen“, erzählt Grabungsleiter Brozio. „Beim Freilegen waren wir äußerst vorsichtig, denn wir wollten die Holzoberfläche auf keinen Fall beschädigen.“ Doch das Problem waren nicht nur die schabenden Kellen seines Teams, sondern vor allem die Luft. Denn die trocknet das Holz im Nullkommanichts aus und macht es brüchig. „Ein paar Risse sind leider entstanden. Aber ansonsten ist das ein Prachtfund.“ Wie ein rohes Ei wurde der Balken behandelt. Schicht um Schicht wurde die Erde drumherum abgetragen. Dann wurden Metallplatten in den morastigen Untergrund untergeschoben, um das Drei-Meter-Monstrum in einem Stück hochhieven zu können. In der Zwischenzeit war die Fotografin des Instituts für Ur- und Frühgeschichte an der Kieler Uni informiert worden und setzte sich sofort ins Auto. Ein weiterer Institutsmitarbeiter rückte mit einem Anhänger an. Jan Piet Brozio holte riesige Rollen mit Klarsichtfolie aus seinem Auto. Ein paar Kollegen zimmerten vor Ort einen Holzkasten. Dort kam der Sensationsfund dann hinein – mit Torf bedeckt, mit Wasser benetzt und mit Folie vorm Austrocknen geschützt. Perfekt vorbereitet für die Reise nach Kiel. Dort lagert das einzigartige Stück nun in der institutseigenen Kühlkammer und wartet auf die nächsten wissenschaftlichen Untersuchungen.

Hier finden Sie Bilder von der Ausgrabung in Oldenburg.

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 „Vermutlich ist es ein rituelles Stück Holz“, sagt Jan Piet Brozio. „Auf der Rückseite konnte ich schon Kerben fühlen.“ Anschauen konnte er sich die Unterseite noch nicht. Aber an einem Ende ist der Fund gespitzt, oben rund gearbeitet. „Früher gab es andere spirituelle Vorstellungswelten. Die Umwelt war für unsere Ahnen beseelt“, erzählt der 34-Jährige. Doch noch wisse man viel zu wenig über die jüngere Steinzeit (2900 bis 2200 v. Chr.). „Wir haben bisher viele Gräber untersucht, aber so gut wie keine Siedlungen“, so Brozio.

 „Früher sah es hier komplett anders aus“, sagt er und lässt seinen Blick über Weiden und Rapsfelder schweifen. „Die Hohwachter Bucht war ein Fjord mit Halbinseln, auf denen gesiedelt wurde.“ Von 2009 bis 2011 erforschte er mit seinem Team ein Gebiet ein Stück weiter und entdeckte eine der größten Dorfanlagen, die man in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern aus der Zeit von 3300 bis 2900 v.Chr. je gefunden hat. „Bis zu 160 Menschen haben hier gleichzeitig gelebt“, sagt der Archäologe. Bestattet wurden die Toten in Großsteingräbern. Allein im Grab in „Wangels“ um die Ecke lagen 45 Tote, die mit reich verzierten Gefäßen und Bernsteinperlen beerdigt wurden. „Jetzt untersuchen wir die Kultur, die nachfolgte. Und da stellen wir große soziale Veränderungen fest.“ Es gab nur noch Einzelgräber, die Häuser waren unterschiedlich groß, der kollektive Gedanke war verschwunden. Es tauchten Streitäxte und Dolche auf. Das Kriegerische hielt Einzug.

 Bei der aktuellen Grabung wurden bisher über 2000 Funde ans Tageslicht befördert. Tierknochen, Keramik, Steinwerkzeuge, Zaunpfosten. „Auch eine Pfeilspitze aus Holz haben wir entdeckt“, sagt Jan Piet Brozio. „So etwas hab’ ich vorher noch nie gesehen.“ Noch rund eine Woche lang wird hier auf insgesamt 308 Metern Länge in fünf verschiedenen Feldern nach den Hinterlassenschaften unserer Vorfahren gesucht. Hoch über den Archäologen ziehen Seeadler und Kraniche ihre Kreise. Genau so wie vor 5000 Jahren.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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