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Die unbekannte Seite der Kartoffel

Ausstellung Die unbekannte Seite der Kartoffel

Sie entwickelte sich von der Teufelsfrucht zur Karriereknolle: Heute ist die Kartoffel in aller Munde. Doch ihre Rolle in der schleswig-holsteinischen Geschichte ist kaum bekannt. Eine Ausstellung im Museum am Wasserturm in Hohenlockstedt will das nun ändern.

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Chrismut Anders vom Demeterhof Wittschap in Kiel freut sich über eine sehr gute Ernte: „Ich habe die Linda hier ganz früh gelegt. Im Juni war sie dann schon so weit, dass ihr die Krautfäule, die wir im Bioanbau ja nicht wegspritzen, nichts mehr anhaben konnte.“ Anders setzt auf Direktvermarkung im Hofladen.

Quelle: Sven Janssen

Hohenlockstedt. Vieles ist bekannt. Etwa, dass die Kartoffel schon jahrhundertelang in den Anden kultiviert wurde, bevor 1565 die ersten Knollen nach Europa gebracht und dem spanischen König Phillip II. überreicht wurden. Die Kartoffel galt zunächst als Teufelsfrucht, weil sie nicht in der Bibel erwähnt wurde. Zudem hielt man die Knollen für ebenso giftig wie die Blüten und Beeren des Nachtschattengewächses. So verlief der Siegeszug des nahrhaften Lebensmittels in Europa lange zögerlich. Doch wie genau kam sie nach Schleswig-Holstein?

 Für die Klärung dieser Frage hat der Hohenlockstedter Museumsleiter Achim Jabusch den Historiker Prof. Martin Krieger von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gewonnen. Krieger, der bereits zum Kartoffelanbau in Dänemark geforscht hatte, begab sich im Land auf Spurensuche und war erstaunt über die magere Datenlage. Klar wurde aber, dass sich anhand der Kartoffel anschaulich Landesgeschichte und ein Kapitel der deutsch-dänischen Beziehungen vermitteln lassen.

 Eine zentrale Rolle spielt dabei der Geestrücken, jene sandigen, kargen Böden, auf denen bis ins 18. Jahrhundert nur wenige Menschen lebten. Der größte Großgrundbesitzer der Region, der dänische König, wollte das ändern. Friedrich V. startete 1759 zwischen Eider und Limfjord ein riesiges Kolonisationsprojekt: 4000 Kolonisten aus dem Südwesten des Römischen Reiches sollten allein auf die Schleswigsche Geest gelockt werden und von dort neue Anbautechniken und -produkte im Land verbreiten. Allen voran die Kartoffel. „Das Angebot des Königs war verlockend. Jede Siedlerfamilie sollte etwa zwölf Hektar steuerfreies Land erhalten, dazu noch jeweils eine Kuh, ein Paar Zugochsen, Schafe und landwirtschaftliches Gerät. Zudem sollten Häuser im Niedersachsen-Stil bereitstehen“, erklärt Prof. Martin Krieger.

 Die ersten Siedler, Kartoffeldeutsche genannt, trafen 1759 in Jütland ein. Bald entstanden auch Kolonistenhöfe im Herzogtum Schleswig. Dort wurden die Siedler Pfälzer genannt und ihre Hofstellen trugen vielversprechende Bezeichnungen wie „Gottes Segen“, „Gottes Schutz“ oder „Nordens Ruhm“. Doch die irdische Realität sah anders aus: „Viele Häuser waren nicht fertig, die Ausrüstung war nicht vorhanden und der Widerstand seitens der einheimischen Bevölkerung beträchtlich. Viele der Kolonisten mussten anfangs in Erdhöhlen überwintern“, sagt Krieger. Und viele Siedler gingen zurück in ihre Heimat. Die anderen konnten nur ein karges Leben führen. Aber sie machten die Kartoffel im Norden bekannt. So richtig erfolgreich mit dem Kartoffelanbau waren dabei nur die Bauern in den Elbniederungen. Hamburg lag vor der Tür, und die Hamburger mochten die Knollen. Die Kartoffel entwickelte sich mehr und mehr zum Grundnahrungsmittel, spielte eine zentrale Rolle bei der Ernährung in den Napoleonischen und beiden Weltkriegen. Heute zählt die Kartoffel in vielen Landesteilen zu den wichtigen Feldfrüchten und wird zunehmend direkt an den Kunden verkauft. Und das bedeutendste Anbaugebiet im Land? Das ist die Gegend um Hohenlockstedt. Schon deshalb trifft die Ausstellung ins Schwarze.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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