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Die Straße der tödlichen Unfälle

B 76 Die Straße der tödlichen Unfälle

Zwölf Unfälle in drei Jahren, 19 Verletzte, vier Tote, zwei Menschen starben am Sonntag auf der B 76 zwischen Gettorf Nord und Neudorf-Bornstein: So lautet die Polizeibilanz zu einer Strecke, die kaum einen Kilometer lang ist. Landwirt Hans-Joachim Dibbern zählte „mindestens 50 Tote“ an dieser Strecke seit 1961. Er sagt: „So kann es nicht weitergehen.“

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Landwirt Hans-Joachim Dibbern zählte „mindestens 50 Tote“ an dieser Strecke seit 1961.

Quelle: Sven Janssen

Neudorf-Bornstein. Wie es weitergehen kann, soll am Donnerstag bei einer sogenannten Verkehrsschau diskutiert werden. Vertreter von Polizei, der Straßenverkehrsbehörde des Kreises sowie des Landesbetriebes Verkehr wollen sich vor Ort treffen, um über Maßnahmen zur Entschärfung des „Unfallschwerpunktes“ zu beraten.

 Einfache Lösungen wird es aus Sicht des stellvertretenden Leiters der Polizeidienststelle Gettorf, Dirk Reimer, jedoch kaum geben: „Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Stundenkilometer würde Autofahrer auf so einer schnurgeraden Strecke nur noch mehr zum Rasen provozieren. In Frage käme höchstens ein Überholverbot.“

 Und zum Überholen reizt die wie mit dem Lineal gezogene Strecke in der Tat. Wer die unübersichtlichen Kurven in Eckernförde oder aus der Gegenrichtung kommend im Bereich Gettorf endlich hinter sich gelassen hat, fühlt sich fast befreit durch die plötzliche Einsehbarkeit des Straßenverlaufes. Fast automatisch steigt damit auch die Risikobereitschaft. Vor allem dann, wenn Brummifahrer oder Trecker diese Geradlinigkeit eben nicht zum Schnellfahren nutzen (können).

 „Schauen Sie sich das mal an“, sagt Hans-Joachim Dibbern und deutet auf ein Auto, das direkt vor seinem Hof drei Fahrzeuge überholt und gerade noch rechtzeitig vor dem Gegenverkehr einscheren kann: „So geht das hier den ganzen Tag.“ Am Sonntag reichte es aber nicht mehr für den Motorradfahrer und seine Begleiterin, die exakt an dieser Stelle bei einem Überholmanöver in einen links in seinen Hof abbiegenden Trecker rasten. Das Geräusch des Aufpralls wird Dibbern nie mehr vergessen. Er schraubte gegen 14.25 Uhr gerade an seinem defekten Trecker: „Es knallte einfach nur ohne das sonst übliche Quietschen der Bremsen. In diesem Moment ahnte ich schon: Da ist wohl nichts mehr zu machen.“

 Die Einschätzung wurde kurz darauf zur traurigen Gewissheit, als der Landwirt die beiden leblosen Körper mit dem Gesicht nach unten an der Einmündung zu seinem Hof liegen sah. Am Tag nach dem tödlichen Unfall erinnert nur noch der gelbe Sand, der die Blutflecken notdürftig bedeckt, an das tragische Unglück.

 „Solche Unfallbilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf“, sagt der 66-Jährige, der nur mit Mühe die Fassung behalten kann. Und das, obwohl der stämmige Landwirt schon viele solcher Verkehrsopfer quasi vor seiner Haustür sehen musste. „Das Schlimmste daran ist aber gar nicht mal ihr Anblick, es sind ihre Schreie.“

 Wenn Hans-Joachim Dibbern im Laufe der vielen Jahre richtig gezählt hat, starben seit 1961 rund 50 Menschen an diesem geraden B76-Teilstück in unmittelbarer Nähe seines Hofes, die etwa 30 Wildunfälle pro Jahr noch gar nicht mitgezählt. „Hier herrscht Krieg, anders kann man das nicht mehr bezeichnen.“ Das einzige, was die Lage zumindest etwas entschärfen könnte, wäre ein striktes Überholverbot. „Das predige ich schon seit Jahren. Ohne Erfolg.“

 Manche Kollegen oder Mitbürger haben dem Landwirt schon geraten, den Hof einfach zu verkaufen, um das Elend nicht länger ertragen zu müssen. Aber das kommt für ihn nicht infrage. Hier ist er aufgewachsen, hier ist seine Heimat. „Aber man muss schon hier geboren sein, um das irgendwie auszuhalten.“

 So wird auch künftig die Sorge nicht aus Hans-Joachim Dibberns Kopf weichen, wenn seine Trecker nur mit Mühe vom Hof auf die stark befahrene Straße zu den Feldern und wieder zurück fahren. Schließlich muss Heu und Futtermais für die Milchkühe auf den landwirtschaftlichen Betrieb herangeschafft werden. Zwei Mal schon wurde der Landwirt selbst auf seinem Trecker beim Einbiegen in seinen Hof von überholenden Fahrzeugen „abgeschossen“, wie er sagt. „Da kann man hundert Mal gucken, ob jemand kommt. Bei den Geschwindigkeiten, die hier erreicht werden, kann man das einfach nicht erkennen.“

 Auch beim Unfall am Sonntag war das die Situation, die in eine Katastrophe führte. Auch dieser Trecker einer von Dibbern beauftragten Spezialfirma für die Maisernte wollte gerade in die Hofeinfahrt einbiegen, als der Motorradfahrer mitten im Überholvorgang in voller Fahrt gegen das Landwirtschaftsfahrzeug prallte.

 Jetzt sehnt der 66-Jährige die kalten Tage herbei. Nicht nur, weil dann hoffentlich der Futtermais endlich in den Silos ist. Dann verschwinden auch die meisten Motorräder von der Straße. Bis es im Frühjahr wieder von vorne losgeht, das bange Warten auf den nächsten Unfall.

Kann die B 76 sicherer gemacht werden?  Schreiben Sie uns an onliner@kieler-nachrichten.de

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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