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Capito aus Schleswig übersetzt in leichte Sprache

Behördenschreiben Capito aus Schleswig übersetzt in leichte Sprache

Viele Behördenschreiben sind nicht jedem Bürger verständlich. Damit sich das ändert, übersetzt das Unternehmen Capito aus Schleswig Texte in leicht verständliche Sprache.

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Das Wichtige wird mit Textmarker angestrichen: Anna Lang bei der ersten Lektüre des Behördenschreibens. Die markierten Stellen müssen auch in der Übersetzung enthalten sein.

Quelle: Sven Janssen

Schleswig. Schleswig. Mirja T. liest laut vor, ein Behördenschreiben. Beim Wort „Einsatzpauschale“ stockt die 33-Jährige kurz. „Hat jeder alles verstanden“, fragt Kerrin Schöne, die Moderatorin der Runde, als Mirja T. fertig ist. Drei Frauen sitzen mit ihr am Tisch und starren auf das Schreiben, das vor ihnen liegt. Alle drei nicken. „Was bedeutet denn ambulante Betreuung?“, hakt Schöne nach. Die drei Frauen überlegen.

Sie sind Mitglieder einer Prüfgruppe für Capito Schleswig-Holstein. Das Schleswiger Unternehmen übersetzt Texte in leicht verständliche Sprache. „Jede Übersetzung wird vor der Veröffentlichung von Mitgliedern der jeweiligen Zielgruppe auf Verständlichkeit geprüft“, erklärt Anna Lang. Sie ist eine von zwei Übersetzerinnen, die für Capito arbeiten. Wichtig sei es, in den Prüfgruppen sicherzugehen, dass wirklich alles verstanden wurde. Andernfalls müssten die Gründe für die Verständnisschwierigkeiten herausgearbeitet werden.

Jeder soll alles verstehen

Anfang des Jahres hat Capito seine Arbeit aufgenommen. Das Unternehmen übersetzt Anschreiben, Broschüren und auch Verträge für verschiedene Auftraggeber. „Das Ziel ist, dass jeder alles versteht und so für sich selbst einstehen und an der Gesellschaft teilhaben kann“, erzählt Lang. Zielgruppe seien nicht nur Menschen mit Behinderung oder funktionale Analphabeten, sondern letztlich jeder. „Ich hatte neulich auch Probleme, meinen Steuerbescheid zu verstehen“, sagt Lang.

Anna Lang ist gelernte Sozialpädagogin. Zwölf Jahre arbeitet sie für die Schleswiger Werkstätten der Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie, zu denen auch Capito gehört. 2015 wurde sie in Graz als Übersetzerin für leichtverständliche Sprache ausgebildet. Denn Capito Schleswig-Holstein gehört zum österreichischen Social-Franchise-Netzwerk mit gleichem Namen. Seit 2005 ist das Unternehmen aktiv, inzwischen bestehen 14 Standorte in Österreich und Deutschland.

Der erste Auftrag für Capito Schleswig-Holstein kam Anfang des Jahres von den Schleswiger Werkstätten. Die Arbeitsverträge der Werkstattmitarbeiter haben die Übersetzerinnen in leichtverständliche Sprache übertragen. Bei der Übersetzung werden schwierige Begriffe erklärt, Sätze verkürzt und grammatikalische Konstruktionen vereinfacht. Dadurch verlängern sich die Texte zum Teil erheblich.

Drei verschiedene Sprachlevel

Capito Schleswig-Holstein übersetzt in drei verschiedene Sprachlevel – je nach Zielgruppe. Der Arbeitsvertrag für die Mitarbeiter der Schleswiger-Werkstätten wurde in das einfachste Sprachniveau A1 übersetzt. „Auf diesem Niveau muss zwangsläufig etwas weggelassen werden“, sagt Anna Lang. Das bedeute auch, dass die Übersetzungen nur in Verbindung mit dem Originalvertrag rechtsgültig sind. „Das sind dann eher Erläuterungen zum Vertrag“, erklärt Lang.

Anders die Übersetzung an der Anna Lang und ihre Kollegin derzeit arbeiten. Vom Kreis Schleswig-Flensburg erhielt Capito Ende Februar den Auftrag einen „Bescheid zur Kostenübernahme bei ambulanter Betreuung“ zu übersetzen, in das Sprach-Level B1. Das entspricht etwa dem Sprachniveau der Bild-Zeitung. Anders als der Werkvertrag soll dieses Schreiben alleine rechtsgültig sein. Ein Jurist habe Anna Lang daher im Vorfeld erklärt, welche Sätze besonders wichtig seien. Dennoch habe sie während der Arbeit oft Nachfragen gehabt. „Es gab ja vieles, was ich auch erst mal verstehen musste und mir habe erklären lassen“, erzählt sie.

Obwohl Capito erst wenige Monate aktiv ist, hat das Unternehmen schon zahlreiche Anfragen. Langsam setze eine Bewusstseinsänderung ein, die auch mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zusammenhänge. „Wir wissen, dass ein solches Umdenken Zeit braucht. Aber wir sind schon jetzt zufrieden mit der Nachfrage“, sagt Anna Lang. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Kreis Schleswig-Flensburg ist derzeit geplant.

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Ein Artikel von
Anne-Kathrin Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

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