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Böse Überraschung im Rentenalter

Betriebliche Altersvorsorge Böse Überraschung im Rentenalter

Auch viele Menschen im Norden haben auf eine betriebliche Altersvorsorge gesetzt. Der Staat hat die Gesetze geändert: Sie müssen nun rückwirkend Kranken- und Pflegeversicherung zahlen.

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Die Renteninformation ist nicht immer ein Grund zur Freude. Um sich im Alter keine Sorgen machen zu müssen, haben sich viele Menschen für eine betriebliche Altersvorsorge entschieden. Doch das Ergebnis ist häufig enttäuschend.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Kiel. „Man sieht die Altersarmut kommen und kann nichts dagegen tun.“ So lautet eine typische Reaktion von Lesern auf die Berichterstattung über Altersarmut. Frust, Verzweiflung und vor allem Resignation löst bei vielen die Aussicht auf einen Lebensabend aus, bei dem das Leben am Limit weitergeht und der gewohnte Standard massiv heruntergefahren werden muss. Oft wird dafür das sinkende Rentenniveau verantwortlich gemacht, immer wieder aber auch die betriebliche Altersvorsorge, die eine böse Überraschung bereithält.

Ohne Betriebliche Altersvorsorge wäre es besser gelaufen

Das hat auch ein Rentner aus Kiel erlebt. „Vor 25 Jahren hat uns die Politik aufgefordert, nicht nur auf die gesetzliche Rente zu setzen. Leider habe ich den Rat befolgt.“ Der 66-Jährige hat bei einem Verkehrsunternehmen gearbeitet. 1996 tauchte dort ein Versicherungsvertreter auf und bot eine betriebliche Altersvorsorge an. „Die haben viele von uns unterschrieben in der Gewissheit, damit ihren Lebensstandard als Rentner halten zu können“, erinnert sich der Kieler. Fortan überwies sein Arbeitgeber das 13. Monatsgehalt komplett in eine Zusatzrente und Berufsunfähigkeitsversicherung. „Uns wurde gesagt, damit seien wir für alle Fälle abgesichert. Laut Vertrag sollte ich als Rentner mindestens 288 DM im Monat bekommen.“ Durch die Umstellung auf Euro wurde die Kaufkraft schon erheblich gesenkt. Doch was ihn am meisten ärgert, ist, dass der Staat 2004 plötzlich rückwirkend die Spielregeln geändert hat. Seitdem müssen alle gesetzlich Krankenversicherten, wenn sie ihre betriebliche Altersvorsorge ausgezahlt bekommen, nachträglich Geld für die Kranken- und Pflegeversicherung berappen – und zwar nicht nur ihren Anteil als Arbeitnehmer, sondern auch den vom Arbeitgeber. Zurzeit sind das gut 18 Prozent – also fast ein Fünftel. Der Kieler bekam im November 2016 die Mitteilung, seine monatliche Zusatzrente betrage 152,17 Euro. Er würde aber noch von der Krankenversicherung Post bekommen. „Keine drei Tage später kam die: Ich müsse nun für 120 Monate Kranken- und Pflegeversicherung zahlen, aktuell 39,81 Euro im Monat.“ Der Rentner fühlt sich vom Staat hinters Licht geführt. „Hätte ich das beim Abschluss gewusst, hätte ich den Vertrag nicht unterschrieben“, sagt er. „Steigen die Beiträge für Kranken- und Pflegeversicherung weiter, bleibt noch weniger von meiner Zusatzrente übrig. Ich fühle mich wirklich dafür bestraft, dass ich für mein Alter vorsorgen wollte und dafür 20 Jahre lang auf viel Geld verzichtet habe.“

Das sagt die Verbraucherzentrale

Mit dem Ärger steht er nicht allein da. Auch andere, die auf eine betriebliche Altersversorgung bei Versorgungswerken, Pensionsfonds oder Riester-Verträgen gesetzt haben, sind über die Abzüge sauer. „Die einzigen, die garantiert davon profitieren, sind doch die Versicherer und auch die Arbeitgeber, weil die ja Sozialabgaben sparen“, sagt eine 63-Jährige aus Bordesholm. Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein kennt solche Fälle. „Man muss überlegen, was passiert wäre, wenn man das Geld ganz normal als Teil des Lohnes bekommen hätte. Dann wären dafür Rentenversicherungsbeiträge gezahlt worden und es hätte die gesetzliche Rente erhöht.“

Damit wären viele Menschen besser gefahren. Deshalb raten die Verbraucherzentralen schon lange nicht mehr zu solchen Verträgen. „Ein Teil des monatlichen Entgelts in eine betriebliche Altersvorsorge umzuwandeln, macht nur Sinn, wenn man noch jung ist und deutlich mehr Steuern bezahlt als später im Alter. Verdient man aber wenig und zahlt einen niedrigen Steuersatz, dann sollte man die Finger davon lassen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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