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Zu billig, um wahr zu sein

Betrug im Online-Handel Zu billig, um wahr zu sein

Der Betrug im Online-Handel nimmt rapide zu. Verbraucherschützer und Polizei registrieren auch in Schleswig-Holstein mehr und mehr Opfer. Denn wer online kauft, ist nur schwer zu schützen. Er sollte deshalb auf Sicherheit gehen.

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Hort der Schnäppchen, Hort der Gefahren: Der Boom beim Online-Shoppen lockt auch immer mehr Ganoven ins Internet.

Quelle: Arno Burgi/dpa

Kiel/Lübeck/Hamburg.  „Schicke Jacke“, dachte sich Beate S. beim Mode-Stöbern im Internet. „Und so günstig.“ Sie bestellte gleich drei und zahlte mit Kreditkarte. Der deutschsprachige Online-Shop „Kaufenkleidungoutlet“ war der Lübeckerin durch sein besonders preiswertes Sortiment mit Klamotten der Marke Abercrombie & Fitch aufgefallen. „Bis zu 59 Prozent reduziert“ war da zu lesen. Das war Ende November. Inzwischen hat Beate S. viel Ärger am Hals – und eine Rechtsanwältin eingeschaltet.

 Geld (189,94 Euro) wird sehr rasch von ihrer Karte abgebucht. Sogar 11,23 Euro zu viel. Die Ware aber erhält sie nicht, nur eine Mitteilung der DHL: Sie möge doch 33,17 Euro Zollgebühr bezahlen, damit das Paket ausgeliefert werden könne. Es komme aus Hongkong. Beate S. zahlt. Und stellt dann fest: Die gelieferten Jacken sind viel zu klein, sehen ganz anders aus als im Internet und sind offenkundig minderwertig. Beate S. will ihr Geld zurück.

Auf Impressum und AGB achten

 Die Lübeckerin hat Warnsignale übersehen. Zum Beispiel das fehlende Impressum: „Das ist ein wichtiges Kriterium für einen vertrauenswürdigen Online-Shop“, erklärt Hanna Doreen Jeske, Referentin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kiel (VZSH). Nirgendwo auf der Website ist eine Shop-Adresse zu finden. Unter „Preise und Versand“ kein einziger Preis. Auch keine Spur von AGB. „Wenn solche grundsätzlichen Angaben fehlen, sollte man die Finger davon lassen“, warnt Jeske. „Viele betrügerische Online-Händler locken mit auffällig niedrigen Preisen. Manche sind zu billig, um wahr zu sein.“

 Beate S. lässt sich mit dem mysteriösen Shop auf einen schleppenden E-Mail-Austausch auf Englisch ein (liegt der Redaktion vor): Nach Vertröstungen wird sie von einem gewissen „shaw“ gefragt, ob sie denn die Sachen nicht behalten wolle, der Spediteur habe leider die Ware vertauscht. Als Gegenleistung erhalte sie 40 Prozent Rabatt auf ihre nächste Bestellung. Das will sie nicht. Sie will ihr Geld. „shaw“ aber windet sich. Sie solle die Jacken doch lieber behalten. Alles andere würde „wirklich sehr teuer“. Das Porto. Die Zollgebühren. Der Aufwand. Zudem würde der Umtausch „über zwei Monate dauern“. Die „Gefahr eines Paketverlustes“ nicht zu vergessen. Und wer könne schon wissen, ob die Ware in einem „wiederverkaufbaren Zustand“ zurückkomme. „Alles in allem“, schreibt „shaw“, verlöre sie doch „viel Geld“. Sein letztes Angebot: Der Shop sende ihr die korrekte Ware – wenn sie die Gebühren für Versand, Umbuchung und Steuern übernehme. Von „Geld zurück“ aber ist bis heute nicht die Rede...

Kaufkraft wandert ins Internet

 Der Online-Handel von Privatpersonen wächst ungebrochen, Kaufkraft wandert immer noch weiter ins Internet. Den schwarzen Schafen entgeht das nicht. Sie warten schon. Auch die VZSH berichtet von einer stetig und deutlich steigenden Zahl an Beratungen, Beschwerden und Anfragen zu Online-Betrugsfällen, von einem Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Was wir da im Internet beobachten, grenzt an organisierter Kriminalität“, schildert Hanna Doreen Jeske.

 Das ist auch der Grund, warum ihre Kollegen von der Hamburger Verbraucherzentrale (VZHH) seit November mit der Kripo zusammenarbeiten. „Der Betrug im Online-Handel hat extrem zugenommen“, berichtet VZHH-Juristin Julia Rehberg. „Wir müssen deshalb neue Wege gehen.“ Zweck der zivil- und strafrechtlichen Kooperation ist regelmäßiger Austausch mit dem Ziel besseren Verbraucherschutzes. „Wir können der Kripo von Auffälligkeiten berichten, die Kripo wiederum kann uns vor Gefahren warnen – und das geben wir weiter. Denn Prävention ist in diesem Bereich nun wirklich das Wichtigste.“

 Denn: Die Verbraucherschützer stoßen bei ihrer Hilfestellung für ratsuchende Betrugsopfer schnell an ihre Grenzen. „Wenn das Geld erst mal überwiesen wurde, ist das Kind meist im Brunnen, da können wir auch nicht mehr viel machen“, sagt Julia Rehberg. Viele Geschädigte verzichten auf einen juristischen Weg schon deshalb, weil der Kostenaufwand in keinem Verhältnis zum Warenwert steht – genau darauf spekulieren viele Betrüger. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man sein Geld wiedersieht, ist ohnehin äußerst gering – etwa weil der Betrüger gar nicht greifbar ist oder auch insolvent. „Hier geht es meist nur noch um Schadensbegrenzung“, so Rehberg. Sprich: das Entfernen des Shops aus dem Handel, um weiteren Betrug zu verhindern. Deshalb laute der beste Verbraucherschutz: „Nicht mit Vorkasse!“

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Ein Artikel von
Oliver Hamel
Wirtschaftsredaktion

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Kommentar

Entspanntes Shoppen per Mausklick, pfeilschnelles Online-Banking, munteres Chatten mit den Liebsten – und das alles sorgenfrei: Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Immer deutlicher müssen wir erkennen, dass das Internet alles Mögliche ist, nur kein Aufbruch in eine schöne und bessere Welt.

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