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34 Millionen von Krankenkassen ergaunert?

Betrug in Schleswig-Holstein 34 Millionen von Krankenkassen ergaunert?

Am Dienstag beginnt in Hamburg der Prozess um den wohl spektakulärsten Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen. Es geht um einen Schaden von 34 Millionen Euro und das ehemalige Praxen-Imperium Hanserad in Hamburg, Neumünster, Geesthacht, Dannenberg und Boizenburg.

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Am Dienstag beginnt in Hamburg der Prozess um den wohl spektakulärsten Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen.

Quelle: Jan Woitas/dpa

Hamburg/Neumünster. Angeklagt: Hanserad-Chef Wolfgang Auffermann, sein kaufmännischer Geschäftsführer und ein Apotheker aus Ahrensburg. Doch der Prozess muss ohne Auffermann stattfinden. Die Arabischen Emirate liefern ihn nicht rechtzeitig aus.

 Der Radiologe Auffermann hatte sich noch vor der Insolvenz Ende 2012 ins Ausland abgesetzt. Im Oktober 2015 wurde ein internationaler Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Rechtzeitig vor Prozessbeginn beantragte Deutschland bei den Arabischen Emiraten die Auslieferung des Arztes. Doch bisher wartet man vergeblich. „Wir mussten deshalb das Verfahren gegen diesen Angeklagten abtrennen“, erklärt Oberstaatsanwältin Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft Hamburg.

 Also sitzen zunächst nur der Geschäftsführer und der Apotheker auf der Anklagebank. Beide sind seit längerem in U-Haft. Dem Trio wird banden- und gewerbsmäßiger Betrug in 51 Fällen, zum Teil in Tateinheit mit Urkundenfälschung vorgeworfen. Massenhaft sollen – unter anderem in den Medizinischen Versorgungszentren der Hanserad in Neumünster und Geesthacht – Röntgenkontrastmittel falsch verordnet und abgerechnet worden sein.

Summe wuchs an

 Prüfer der Barmer GEK waren zunächst über die großen Mengen an abgerechneten Kontrastmittel gestolpert. Als sie die dazugehörigen Röntgenaufnahmen sehen wollten, konnten die nicht vorgelegt werden, weil es sie offenbar nie gab. Zunächst gingen die Prüfer von einem Schaden von einer Million Euro aus, doch die Summe wuchs während der folgenden Ermittlungen stetig an. „Die Patienten in den Medizinischen Versorgungszentren Auffermanns wurden dabei selbst nicht geschädigt, wohl aber Krankenkassen und damit die Versichertengemeinschaft“, betont der Rechtsanwalt Jürgen Mosler, Leiter des Stabsbereichs Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen bei der AOK Nordwest, die in Schleswig-Holstein an der Aufklärung des Falls beteiligt war.

 Wie aber lassen sich mit Kontrastmitteln Millionen machen? Dazu sollen zunächst deutlich mehr Kontrastmittel verschrieben worden sein als die Patienten bekamen. Denn je höher die Abnahmemenge, desto höher die Rabatte. Die Kontrastmittel sollen dann äußerst günstig von einem Arzneimittelhändler über den Apotheker in Ahrensburg an die Hanserad geliefert worden sein. Mit den Krankenkassen wurde aber der volle Preis abgerechnet. Den Rabatt soll man sich geteilt haben. „Bei den hochpreisigen Arzneimitteln wie den Röntgenkontrastmitteln kann das lukrativ sein“, sagt Kai Wantzen, Sprecher am Oberlandesgericht Hamburg. Auffermann soll aber nicht nur am Rabatt verdient haben. „Hanserad war laut Anklage über eine atypische Beteiligung auch am Gewinn des Arzneimittelhändlers beteiligt“, sagt Wantzen. Zudem habe das Geschäftsmodell vorgesehen, nicht genutzte Kontrastmittel weiter zu verkaufen und so noch einmal daran zu verdienen. „Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit Abrechnungsbetrug“, sagt Jürgen Mosler. „Aber ich kann mich an keinen Fall solchen Ausmaßes erinnern.“

 Auffermann, dem die Zulassung entzogen wurde, hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Auch ohne den Arzt hat das Gericht 19 Verhandlungstage angesetzt. Sollte es der Anklage folgen, könnten am Ende mehrjährige Haftstrafen stehen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Der Fall Hanserad rückt wieder einmal den Fokus auf die schwarzen Schafe im Gesundheitswesen. Wenn es stimmen sollte, was die Ermittler zusammengetragen haben, dann ist der Fall des Röntgenologen aus Hamburg eine andere Nummer als die anderen Betrügereien mit falschen Abrechnungen, die die Kassen zusammen mit Kripo und Staatsanwaltschaften aufdecken.

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